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volkswerferbrigade.jpg

Jahr: um 1951
Bemerkung:
ArtikelNr. 9806

 

E-Mail

Unveröffentlichte Memoiren. Flakhelfer in Berlin ab 1943, Soldat 1944-1945. Volks-Werfer-Brigade 8

Memoiren, ca. 50 anfangs mit Schreibmaschine, später von Hand einseitig (und später doppelseitig) beschriebene Blatt, lose eingelegt in Papphülle mit Aufschrift „Memoiren“. Stark staubig, lichtrandig, anfangs alle Seiten mit Anmerkungen, Streichungen und Verbesserungen, sonst gut. Mit Kollationierung oben links. Es fehlen die Seiten 1, 2.

Es handelt sich um den Entwurf eines Textes, der die Erinnerungen des ca. 1928 geborenen Wolfhart F. an die Jahre 1941 bis 1945 (primär 1943, 1944, 1945) enthält. Dabei beschrieb der Mann wohl 1951 oft die Rückseiten von Vordrucken oder auch von Briefpapier. Ob der Text in gedruckter Form verfielfältigt wurde, ist unbekannt.

Der Text setzt sich aus 3 Bestandteilen zusammen: 1. einer langen Erzählung von ca. 40 Seiten, die teils hand-, teils maschinenschriftlich Zeugnis abgibt von den Erlebnissen bis zum Mai 1945, als der Protagonist in Gauting bei München seine Verwandten trifft. 2. einer neu paginierten 5seitigen (lateinisch kollationierten) maschinenschr. Folge „Meine Kommißzeit“, in der die im vorigen Abschnitt bereits geschilderten Ereignisse von November 1944 bis April 1945 neu und in anderen Worten erzählt werden. 3. am Ende einem maschschr. Kapitel „Meine letzten Erlebnisse“, in dem private Dinge aus dem August 1945 thematisiert werden.

Faszinierend sind die Schilderungen des chaotischen Rückzugs der Volks-Werfer-Brigade 8 von Bad Kissingen ins Sudetenland und zurück nach Cham im April und Mai 1945. Dass die Truppe von den US-Amerikanern Sprit erhielt, um sich mit aller Ausrüstung und Bewaffnung von Tschechien nach Bayern bewegen zu können, dürfte ein eher unbekanntes Detail der Endphase des Krieges sein.


Der Protagonist wurde in Berlin geboren. Der Text beginnt auf S. 3 mit Schilderungen eines Jungvolk-Lagers, auf S. 4 berichtet er von einer halbjährigen Kinderlandverschickung nach Tschechien. Am 15.2.1943 wird er dann als Luftwaffenhelfer zur Flak einberufen (SS. 5-8). Er schreibt: „Am Morgen gingen wir in unserer Jungvolkuniform zur Schule, marschierten zur Flakuntergruppe (meine ehemalige Volksschule) und wurden von dort auf die einzelnen Batterien verteilt. Während dieses Marsches verschwanden nach und nach, ohne daß irgendjemand auch nur eine Bemerkung darüber hätte fallen lassen, sämtliche Führerabzeichen von unseren Uniformen. Es war wohl ein unbewußtes Abschiednehmen von der Kindheit. Unsere Batterie lag auf einer Wiese neben dem S-Bahnhof Oberspree [in Niederschöneweide IH]. Hier ließen wir früher unsere Drachen steigen. Wer konnte ahnen, daß wir hier noch Soldat spielen würden?“ Später: „Inzwischen war unsere Batterie zusammen mit zwei anderen in die Nähe von Schulzendorf bei Grunau verlegt worden. Wir waren also eine ‚Großbatterie’ mit immerhin 18 Rohren, sodaß es bei der jetzt alle naselang fälligen Schießerei ziemlich schepperte. Eine der Maschinen, die wir mal abschossen, kam ziemlich senkrecht herunter, genau auf uns zu. Im letzten Moment besann sie sich jedoch, machte einen Bogen und fiel etwa 800 Meter von uns entfernt in die Ortschaft, wo sie nach 2 oder 3 Minuten mit ihrer gesamten Bombenlast und den restlichen ‚paar’ tausend Litern Sprit in die Luft flog, sodaß nachher in der schönen Häuserreihe eine schöne Zahnlücke klaffte. Vier oder fünf der Amis konnten noch aussteigen, sie kamen alle miteinander genau in unserer Batterie herunter. Einer der armen Kerle setzte gerade in dem Moment auf dem Wall vor einem der Geschütze auf, als der K1 abzog [mit „K“-Nummern wurde das 10köpfige Personal einer Flak bezeichnet, dazu kam der GF, Gefechtsführer, IH]. Ich fürchte, er hatte noch eine ganze Weile Ohrenschmerzen.“ (S. 12-13).

Zu unbekanntem Zeitpunkt 1944 wird W. dann einberufen, aber sein Batteriechef zieht die Einberufung zurück, da der Ersatz ausbleibt. Im September 1944 dann kommt W. zum RAD in Kulm an der Weichsel (S. 14).
Am 24.11.1944 schließlich ist er Rekrut in einer Artillerie-Kaserne in Frankfurt an der Oder, meldet sich als R.O.B. [Reserve-Offizier-Bewerber] und wird als Nachrichtenmann ausgebildet. S. 15: „Schon nach zwei Monaten Ausbildung wurden einige von uns mit den alten, jammervollen Klapperkästen von Geschützen, die wir zur Ausbildung hatten, an die Front abgestellt. Einmal kam ein Trupp aber schon nach ein paar Tagen ziemlich deprimiert und ohne Geschütze wieder zurück: Panzer hatten sie überrollt. Eines Tages war Antreten: Jemand hielt eine flammende Rede: Man brauchte Freiwillige für Panzersprengkommandos, drei Mann mit ein paar Panzerfäusten in einen Volkswagen. ...“ S. 17: „Ein paar Tage drauf, Ende Januar, war auch der Rest an der Reihe ... Alles, was gerade noch laufen konnte, buddelte sich östlich der Oder in dem gefrorenen, steinharten Boden Panzerdeckungslöcher. Die Bewaffnung war erbärmlich: Karabiner mit 60 Schuß, zwei Handgranaten, jeder dritte eine Panzerfaust, für etwa 50 Mann ein MG (aber nur mit einigen Kästen Munition). Dann standen noch ein paar fabrikneue 8.8Pak [sic] herum, sehr intelligent aufgestellt, fünf Meter daneben sämtliche Munition. Für jedes Geschütz 60-80 Schuß. Der Iwan kam näher. ...“
W. hat Glück und entkommt den Kämpfen, er wird in letzter Sekunde zu einem R.O.B.-Kurs nach Neuruppin beordert. SS. 18 bis 21 schildern den von zahlreichen Unterbrechungen verlangsamten absurden Marsch in Richtung Norden. Und wieder hat W. Glück: Er wird von Neuruppin, das gerade in den Belagerungszustand versetzt wird, nach Mühlhausen in Thüringen zur Fortführung der Ausbildung befohlen. Bevor die Amerikaner Mühlhausen eroberten, werden die Offiziersbewerber „in die Nähe eines Spritlagers der Luftwaffe“ (bei Bad Kissingen, Blatt III) verlegt. „Bewaffnung: Ein Gewehr 98, Baujahr 1912, dann 36 Schuß Munition, und für die ganze Batterie (200 Mann) ein leichtes französisches MG mit ein paar hundert Schuß Munition, ein paar Handgranaten und Panzerfäuste.“ (S. 22 recte, das Blatt 22 ist beidseitig von Hand beschrieben).
Das Glück bleibt W. treu, man verlegt ihn als Ersatz zur „Volkswerferbrigade 8“ (einer Nebelwerfer-Brigade, IV), die sich langsam gen Osten absetzt. „Einmal trafen wir auf einen angespitzten Güterzug, voll von schweren Raupenschleppern. Nach einiger Sucherei fanden wir einen, bei dem nur die Windschutzscheibe .... [unles.] ..löcher erhalten hatte. ....“ (23 recte). Über Coburg zieht sich sein Trupp ins Sudetenland zurück. Nach Verhandlungen mit den Amerikanern erhält die Truppe Sprit und rollt mitsamt allen Waffen und Fahrzeugen westwärts nach Cham. Auf einer Wiese muss sich die nun Truppe einrichten, vollkommen unbewacht (S. 25-3). Auch die Entlassungspapiere werden von der Schreibstube der Brigade selbst angefertigt. Der Kommandeur hält eine Rede, in der er meint, die Brigade sei „die letzte größere Einheit der Wehrmacht, die noch geschlossen zusammen [ist]“ (S. 28).
Hernach geht es in eine kurze US-Gefangenschaft. Nach wenigen Tagen (ca. am 23.5.) wird W. entlassen und mit anderen Kameraden von einem US-Truck in Richtung Süddeutschland gefahren, wo er seine Verwandten aufsuchen will (S. 32).

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