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Jahr: |
1915-1918 |
Bemerkung: |
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ArtikelNr. |
4356 |
E-Mail
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Tagebuch eines bayerischen Soldaten wohl des LIR 1: Buchenkopf / Tête des Faux, Le Bonhomme, 8-12 1915. Dazu Feldpost.
Tagebuch eines bayerischen Soldaten, Vogesen, August bis Dezember 1915. Die Quelle ist aussergewöhnlich, da es verboten war, ein Tagebuch zu führen und mit sich zu tragen. In teils sauberer Handschrift berichtet Ludwig Wittmair von seinen Einsätzen und Ruhezeiten in den Vogesen 1915. Ganz bemerkenswert ist ein kurzer Hinweis auf Fraternisierungen zwischen Deutschen und Franzosen auf dem Buchenkopf am 10. und 11. Dezember 1915: Daß von beiden Seiten am 11.12.1915 mit verringerter Pulvermenge geschossen wurde, dürfte der Forschung bislang unbekannt gewesen sein!
Journal du Soldat Ludwig Wittmair: Tête du Faux, Le Bonhomme, Colmar,1915.
Die Dokumente fanden sich in einem Nachlass. Zusätzlich zum Tagebuch sind enthalten 2 Feldpostschreiben von Ludwig Wittmair sowie 4 weitere Feldpostschreiben von bzw. an die Wittmair-Brüder Hans und Xaver. Anhand der Handschrift ist es höchstwahrscheinlich, daß der 1917 gefallene Ludwig Urheber des Tagebuches ist. Feldpostbriefe und Feldpostkarten jeweils fleckig und berieben, teils falzig, sonst gut.
Der Soldat gehörte zur 6. bayerischen Landwehr-Division. Hier waren das 1., 2. und 12. Landwehr-Regimenter zusammengefasst. Die 3 Regimenter kämpften im Weltkrieg ab Ende 1914 in den Vogesen Da die Regimentsgeschichten des 2. und 12. Regiments in Details von Wittmairs Schilderung abweichen, wird er dem 1. LIR angehört haben.
Rätselhaft erscheint, daß der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge keine Angaben zu Wittmairs Verbleib machen konnte. So ist nicht absolut sicher geklärt, daß der Mann 1917 gefallen war.
Tagebuch ca. 5.8.1915 bis 27.12.1915.
Kl.8°, broschiert, ca. 50 Blatt, ca. 15 beschriebene Blatt (äußere Seiten fehlen, Buch beginnt mit Adressenverzeichnisseite, fleckig, Randläsuren, sonst gut). Kurios ist, daß die Handschrift wechselt von gewohntem Kurrens-Duktus (ca. 20 Seiten) in sauberste lateinische Antiqua-Großbuchstaben (ca. 10 Seiten), um im letzten Eintrag wieder zum Kurrens zurückzukehren. Für fast jeden Tag findet sich ein Eintrag im Tagebuch.
SS. 1-4 enthalten einen fast durchgehenden Text, der die Abreise in München und anschließende Fahrt ins Elsaß schildert. Nachdem Colmar passiert ist, kommt die Front näher: „Nach kurzer Fahrt erreichten wir Schnierlach [heute Lapoutroie]. Bei der Gegend sieht man bereits die Spuren des Krieges, zusammengeschossene Häuser, ein Munitionswagen (... [unles.] abgebrannt), umgestürzte Bäume. Schnierlach ein kleines Dorf ... Montag 6.30Uhr aufstehen, .... um 8 Uhr Exerzieren. Hierbei kamen einige Granaten franz. In der Nähe zum Einschl. (Flieger). ....Donnerstag Exerzieren, nebenbei Besichtigung durch Sr. Ex. Generalleutnant Bachmaier (Größe, unschön, Geist ?). ... Montag: Parade vor König Ludwig III .... Donnerstag 19.8.: Abmarsch über Schnierlach nach Langem Wasen ..., nachmittags Brand (...haus oben) durch Handgranaten, nachts grössere Brände in Didolshausen [heute Le Bonhomme]. ... Sonntag 22. August: Besuch am Brandl Granathaus (32 Schuß in 39 Min. ..), hernach in Didolshausen wieder auf 10m Entferung 2 Einschläge. Die Sache wird bedenklich. ... [Die nächsten Tage bis zum 16. September verbringt der Soldat in Stellung in (bei?) Didolshausen]. Mittwoch [15.9.]: Wache in Langem Wasen. Donnerstag 16. Sept.: Ablösung durch 92er [hier ist das RIR 92 gemeint]. Abmarsch abends 10.30 vom Langen Wasen. ..... Freitag: 4 Uhr nachmittags Baden im Militärbad Colmar, liegt am Kanal, jenseits des ... [unles.] Militärfluplatz (5 Flieger). ..... Donnerstag 23. September: Kaiserparade auf dem großen Exerzierplatz bei Colmar. ... Ldw.Div. 3, 12, einige Bat. des 1.u.2. L.Rgt., 8. Bayr. Reservedivision, 19. Preuß. Division. Kaiser (stramm) u. deutscher Kronprinz ..... Exz. Generalleutnant v. Schmid, Brigadekommandeur Exz. Generalleutn. d. Infanterie ..... Oberstleutnant v. Jordan, Bat.Kom. Major v. Holländer .... . Kaiser selbst machte einen vorzüglichen Eindruck. Bart- und Gesichtspflege sind selbst in figürlicher Erscheinung. Nachmittags ½ 3 Uhr Baden. .... Samstag 26. Sept. Feldgottesdienst mit dem 2. Bat. der 12. L.D. bei Ludolsheim [?], Parade ... nach Kirche vor Sr. Exz. ... v. Schneitl [?], Divisionsk. Abends 10.15 Alarm, um 11.05 stand die Komp. ..... 10.15 [am 27.9.1915] Antreten nach Didolshausen .... [Die folgenden Tage bleibt Wittmair in Stellung bei Didolshausen, Langer Wasen]. ..... Samstag [30.10.1915]: ... Fr. rufen nachts Deutschland kapute ...... [In der Regimentsgeschichte des LIR 12 (Schleicher, Sigmund: Das k.b. Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 12; Verlag Bayerisches Kriegsarchiv, München 1924) heisst es zum 30.10.1915 (S. 44-45): „Am 30.10. abends herrschte vor der ganzen Front des Regiments beim Gegner freudige Erregung, man hörte Hurrarufe, Hornsignale und aus Richtung Côl du Bionhomme Musik. ..... sie schossen wie wild, ließen Leuchtkugeln steigen, schrien und lärmten, Musiken spielten ... die Marseillaise und uns unmittelbat gegenüber riefen sie: ‚Deutschland kapputt’“.] Freitag [5.11.1915]: Starkenbach. Nachm. 5 Apell, 5.15 Abmarsch, sehr schlechte Witterung, gelungen-lächerlicher Rückmarsch. .... Dienstag [16.11.1915]: Ablösung durch die 6. Komp. des 3. Rgt. Abmarsch Abends 6 Uhr nach K, dort Ankunft um 9 Uhr, in die Quartiere um ½ 10 Uhr. ... Samstag [20.11.1915] früh 6.30 Abfahrt nach Colmar. Dort 1 Std. Marsch zu Schießplatz. 189er. 10 Ringe. 4.20 Rückmarsch nach K., 8 Uhr Ankunft. ... Montag: Faßen der Wintersachen für die Brig. in Kienzheim. ... Mittwoch [24.11.1915]: Übungen in Eschelmer (Schützengraben). Donnerstag: Sporttag: Fußball 8:2, Faustball 50:30, Laufen, Springen, Tauziehen. ... Montag, 29. November: Eschelmer. Bataillonsübung Stellungskampf 10 u. 12 im Graben, 9. u. 11 im Angriff. 7 Sch. Artillerie lieferten die Franz. ... Mitwoch [1.12.1915]: Vorm. 8 Uhr Abmarsch nach Schnierlach. Ab 12 ¾ Uhr nach Buchenkopf. Ankunft 4 ½ Uhr. Alles zusammengeschossen. Keine Unterstände. Ruhe. Donnerstag: Vorm. 9 Uhr auf Wache, Posten 6. Freitag 3. Dezember: Vorm. 8 Uhr kam Ablösung. Dann frei bis Abends 5 Uhr (Reserve). Minenfeuer von 4-5 Uhr. Eingreifen unserer Artillerie. Furchtbares Getöse. Erbleichen. Nachts Wache bis [Uhrzeit fehlt]. Samstag 4. Dezember Ab Vormittags 7 Uhr frei, Nachmittags: Arbeitsdienst. Sonntag: Rabenbühl [heute Roche du Corbeaux] (Bauholz), Nachmittags frei. Montag: Früh 8 Uhr Posten CII. Dienstag: 8 Uhr abgelöst (Rabenbühl), Franzosen beschießen Sussenor [Le Surcenord] u. Urbeis. Mittwoch: Wache CII. Donnerstag: 8 Uhr abgelöst, dann nach Schnielach zum Entlausen, um 4 Uhr zurück. Freitag 10. Dezember: Wache CII, Nachmittags 4- ½ 5 Uhr Fraternisieren mit den Franzosen. Samstag 11. Dezember: Frei. Zusammenkunft mit den Franzosen. Vorm. und Nachm. Schießen nur mit verringerter Pulvermenge und Papierpfröpfe. Sonntag: Baden im Schnierbach. Schlechte Witterung. Montag: Frei, abends ¾ 5 Uhr 2 Warnungsminen seitens der Franzosen. Von 5 bis 6.30 Minen- und Art.-Feuer (2 Tote, 2 Verwundete). Dienstag 14. Dezember: Wache CII, Einschießen der deutschen Artillerie. ..... Freitag [24.12.1915]: Wache CII, ruhiger Tag, origineller Christbaum. Samstag 25. Dezember: Frei, neuer Christbaum, ruhig. Sonntag: Wache C II, Weihnachtsbescherung (Taschenlampe neben Kleinigkeiten), ruhig. .... Wetter seit Dienstag [28.12.1915]: ... [unles.] ist fast aller Schnee geschwunden.“
Feldpost
- 2.7.1915, Feldpostbrief des Ludwig Wittmair (Stempel „Rekruten-Depot d. 1. Bay.Res.Div. 1.Kp.“, aufklappbarer Brief, 8°, 3 beschriebene Seiten, adressiert an Emilie Wittmair, wohl die Schwägerin): W. ist in Gorleben in Ausbildung. Er beschwert sich über den anstrengenden Dienst, meint denn aber: „Das fordet ja die Disziplin, Vaterlandsliebe, die man ja doch seinen Angehörigen halber tut“.
- 16.7.1915, Feldpostkarte (recte s-w-Abbildung „Brunnen von Maison-Rouge bei Arras, Nordfrankreich“, verso Stempel wie vor, adressiert an Joseph Wittmair, Adresse wie im Brief oben): Kurzer Gruß von „Onkel Ludwig“ an den Peperl (Bruder?).
- 24.4.1917, Feldpostbrief eines Albert (aufklappbar, eine beschriebene Seite, Sempel „24. Bayer. Inf.Rgt. 3. Komp.“, adressiert an Xaver Wittmair vom 3. bayr. Landwehr IR, Artl.Mess Trupp 24): Ludwig hat „den Heldentod fürs Vaterland gefunden“. Albert hat wohl eine Schwester von Ludwig und Xaver geheiratet.
Feldpost der Brüder Xaver und Hans Wittmair:
- 19.2.1918, Feldpostkarte des Xaver Wittmair an seine Frau (Abbildung nach Max Körner, „Laufgrabenpartie“, recte Stempel, adressiert an E. Wittmair): Xaver dient beim Artillerie-Meßtrupp 47 und sendet Grüße.
- 7.6.1918, Feldpostbrief des Hans an seinen Bruder Xaver (aufklappbar, eine eng beschriebene Seite, Stempel, Adressat Xaver Wittmair dient noch beim Art.Meßtrupp 47, bay, LIR 3): Hans schreibt über das Drucken von mangelhaften Vorlagen, er selber bedient wohl eine Druckmaschine.
- 1.7.1918, Feldpostkarte des Xaver an seinen Sohn Joseph Witmair (Stempel „Bayr. Landw. Feldart. ... [unles.] III. Abteilung“, Absender Xaver dient immer noch beim Artilleriemesstrupp): Xaver sendet Grüße zum Geburtstag.
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