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Jahr: 1901-1913
Bemerkung:
ArtikelNr. 09183
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Oskar Stritzl, Kadett der Bayerischen Armee, Leutnant im 2. Inf.-Rgt., gest. 1913

Konvolut zu Oskar [auch Oscar] Stritzl, gestorben 1913 als Leutnant im Bayerischen 2. Infanterie-Regiment. Oskar, ein Sohn des Berufssoldaten Ludwig Stritzl (geb. 1858 in München, gest. 1940 als Oberstleutnant a.D.), machte ebenso eine Berufssoldatenkarriere und verstarb kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges an unbekannter Ursache. Der Akt fand sich im Familiennachlass, wohl hatten die Eltern die Erinnerung bewahrt.

- 3 Photos (1x Carte de Visite), gezeigt „Oskar 1901 in seinem Schlafzimmer im Cadeten Corps“, „Oskar als Fahnenkadett 1906“ und eine Gruppe von Militärschülern um 1905 wohl in München.
- 2 Ansichtskarten, 1x an Oscar in Nürnberg (gel. 1899). 1x Gefecht-Schiessen, gel. 1907 von Oskar an Fräulein Jenny Stritzl: „... Vorgestern war Gruppenwettkampf, in dem meine Gruppe siegte. Jeder bekommt einen silbernen Likörbecher. Morgen ist Pers-schießen. Haltet mir die Daumen.“
- Heft „poetische Kleinigkeiten“, enthalten sind private Texte Oskars, oft zu amourösen Themen. Anfangs Gedichtzitate, später Entwürfe von Geschichten. Dann (ca. 25 Blatt) Entwürfe von Briefen, dat. Januar bis Pfingsten 1909, lok. Neu-Ulm und München (Olgastr. 9). Oskar schreibt diversen jungen Frauen. Dass er Rilke- und George-Adept ist, kann man seinen Briefen unschwer ablesen.
10.1.1909: „Liebe Clairie, jedesmal wenn ich etwas von Ihrer lieben Hand bekomme, dann flackert ein Licht auf in dem dunklen Garten meiner Seele wie ein verheißender Atem und die Blumen darin erwachen wieder aus ihrem welkenden Traume und wollen sich öffnen. ... Mit welchen Erwartungen sprang ich einst von der Schule ins Leben! Vorsätze, Hoffnungen. Nun stand ich mitten darin, beschämt wie ein Kind, der an seiner Lüge ertappt worden ist. Ich habe den Glauben an mich nicht verloren, ich weiß jetzt, daß ich nicht log, sondern betrogen wurde von der Welt, von den Menschen, denen ich voll Liebe entgegenstürmte. ... Ich bin erstaunt, wie wenige gerade unter der Jugend in dem Bestehenden wirkliche innere Befriedigung, wahres Glück empfinden. ... Ich habe nun den Gedanken, die Auserwählten zu gewinnen, sich zusammenzuschließen in dem offenen Bekenntnis von Jungen einer neuen Zeit. .. Ich treffe die Menschen nur selten, dann meist auf Bällen oder sonstigen Theatern. Ich bin jetzt sehr viel eingeladen, ziehe aber meist meine stille Bude jenem Firlefanz vor. Nur wenn ich weiß, daß ich Menschen meines Schlags treffe, mache ich den Bummel mit. Gestern war ich auf dem Ball einer Tanzstunde... Am Mittwoch ist ein Basar ... und am Samstag bin ich bei einem Tee im Rgt. Kaiser Wilhelm. ....“
20.2.: „... Um nun einen nutzbringenden, befriedigenden Verkehr der Menschen untereinander zu schaffen, müssen sich die Gleichgesinnten vereinen in dem Willen zur Freiheit. Es würde ein ganz anderer Glücksbegriff gezeitigt werden ... der würde aus den reinen geschlechtlichen tierischen Trieben in eine vergeistigte menschenwürdige Reinheit erhoben. ...“
12.4.: „Auch ich war auf die Kunde ‚Zeppelin kommt’ hereingefallen, schon zu einer ganz unglaublichen Zeit aus den Federn gesprungen und erwartungsvoll auf Oberwiesenfeld gestanden. Den einen Trost nahm ich dann mit nach Hause, dass ich mit vielen Hundert das gleiche Schicksal geteilt. ... Und wieder [ca. 2 Wochen später] eilte ich mit meinem Schwesterlein fort zur Bavariahöhe ... tausende kamen und füllten die ‚Therese’. Postkarten wurden schon feilgeboten, auf denen das Luftschiff über der Bavaria, über dem Rathaus oder um die Frauentürme schwebte. .. Da endlich hörte man von den Feldern im Westen der Ausstellung Hochrufe herüber, dann mischte sich das immer stärker werdende tiefe Summen der Propeller darein und nun erschien das elegante Schiff über den Bäumen des Ausstellungsparkes, drehte mit einer .. Wendung bei und blieb ewige Minuten unbeweglich vor der Bavaria stehen. Der Anblick war ein so packender, daß die große Menschenmasse ihrer Begeisterung kaum Ausdruck geben konnte; nur vereinzelte Gruppen begrüßten den deutlich erkennbaren Grafen durch Hochrufe, der unentwegt mit seiner weißen Mütze heruntergrüßte. Darnach fuhr das Schiff in majestätischer Ruhe an der Paulskirche vorüber gegen Oberwiesenfeld, wo es landen sollte. Wie eine Sturmflut wälzte sich der Menschenstrom in der gleichen Richtung fort, um das Interessanteste nicht zu versäumen. So harmlos die Massen auf dem verhältnismäßig kleinen Raume waren ... so gefährlich wurden sie, als sie sich auf den wenigen Straßen ... in Bewegung setzten. Außer dem abgebrochenen Schirm meines Schwesterleins hatten wir beide jedoch keine Panne erduldet, als wir unser Ziel erreichten. Ein sturmähnlicher Südwest war aufgestanden, gegen den das Schiff vergebens ankämpfte. ... Andern Tags standen wir wieder dort außen. Im Norden, am fernen Horizont schwebte wie ein feiner weißer Strich das Riesenschiff. ... Erst als es über den englischen Garten heraufkam, sah man, daß es mit großer Geschwindigkeit gegen Süden über Schwabing hinwegfuhr. Plötzlich nahm es den Kurs nach West ... und senkte sich dann allmählich zu uns zu Erde. Wie wenn sich das Ungetüm auf ein Lager von Moos niederließe, so sanft legte es sich mit den Gondeln auf den Rasen und stand stille. Da brauste es los aus tausend Kehlen, die Musik spielte. ... Ich stand dicht an der vorderen Gondel, die nun der Graf Zeppelin verließ, und hatte Mühe, nicht auf den Regenten gedrückt zu werden, der den Grafen herzlich begrüßte. ...“
- 2 Texte (6 und 10 Seiten, 4°), genannt “Etiquette und Ehe“ und „Christliche Sitte, neues Leben“.
- Visitenkarte „Oskar Stritzel, Leutnant im K.B. 2. Infanterie-Regiment Kronprinz“.
- Beileidsbrief des Regimentskommandeurs Max Ney [?, unles.], dat. 13.3.1913, verfasst an die Schwester. „Soeben erreicht mich die Nachricht vom Hinscheiden Ihres lieben Bruders...“
- Schreibmaschinenschriftliches Typoskript der Grabrede von Pfarrer Plitt, dat. 16.3.1913 (ein Blatt, nicht komplett, nur der Anfang).
- Pappmappe um 1905, Aufschrift „Heerwesen, Stützel, Fähnrich im 12. Inf.Rgt. Prinz Arnulf“.


 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS