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schullehrer-schwabach.jpg

Jahr: 1931
Bemerkung:
ArtikelNr. 09054
Besucher 83

 

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Privatdruck 1931. Schullehrer-Seminar Schwabach 1906. Erinnerungen von 56 Lehrern

Privatdruck, 4°, Halbleinwandeinband, 79 matritzen-kopierte Seiten und 2 beiliegende lose Blatt. Etwas berieben und fleckig, Besitzervermerke, sonst gut. Beiliegend ein Blatt von 1956 (als erneut ein Treffen anstand).

Enthalten sind zwischen 1929 und 1931 verfasste autobiographische Texte von ehemaligen Angehörigen des bayerischen Kgl. Schulllehrer-Seminars Schwabach. Die Männer hatten 1906 ihren Abschluss gemacht und trafen sich 1931 zur Wiedersehensfeier. Die meisten Herren arbeiteten seit 1906 im Schuldienst in Franken, einige in Nürnberg.

Im Ganzen hatten 84 Männer das Seminar besucht. 19 fielen im Ersten Weltkrieg, ca. 6 scheinen sich enthalten zu haben oder unauffindbar gewesen zu sein, ca. 56 lieferten Beiträge. Die Texte sind von unterschiedlicher Länge, max. 5 Seiten, mind. 1/3 Seite. Berichtet werden von Schullaufbahnen und Umzügen. Im Krieg haben die meisten die Front durchlebt, für alle waren die Jahre 1914 bis 1918 einschneidend. Erstaunlicherweise nutzten nur 2 Autoren ihre Texte, um eindeutig politisch zu werben: Einer lässt seinem Zorn auf Frankreich freie Bahn, einer wirbt blumig für die Hitler. 2 Lehrer dagegen machen keinen Hehl aus ihren demokratischen Idealen!

Im Vorwort schreibt Willy Götz 1931: „Meine Anregung zu ‚unserm Kursbuch’ hat viel Anklang gefunden und so kann ich Euch zu unserer Wiedersehensfeier nach 1925 Jahren ein Werk übergeben, um das wir sicher beneidet werden. Freud und Leid, Lust und Liebe, Haus und Schule, Politik und Kritik .... haben wir in unseren Lebenserinnerungen niedergelegt ... Das Buch ist ‚unser’ Kursbuch u. auch nur für ‚uns’ bestimmt .... es gehört nicht in fremde Hände.“

Die Männer berichten mit erstaunlicher Offenheit, was das Buch zu einer bemerkenswerten Quelle macht!

Heinrich Perl tut kund, dass er 1910 ein Vermögen erbte und sofort um Entlassung aus dem Schuldienst bat. 1931 ist er Eigentümer des „Hotel Wittelsbach“ (in dessen Räumen sich die Gruppe auch traf) und sehnt manchmal die Ruhe des Schulbetriebs zurück.

Adolf Riessner wurde am 10.10.1914 „bei einem Sturmangriff im Erdwerk bei Apremont ... durch 6 Maschinengewehrschüsse schwer verwundet [und] lag 75 Stunden inmitten der Toten ohne Verband und ohne Wasser .... und [wurde] im Juni 1928 .... zum 16. mal operiert“.

J.M.Rühl antwortet dem Perl: „Wenn du, liebes Glückskind, einmal nur eine Periode d.i. 2 Jahre lang mit einem halben Hundert oder mehr heutiger ABC-Schützen hättest umspringen müssen, Du würdest ... verzweifelt ausrufen: „Lieber drei Wittelsbach .... als die Aufregungen mit der Unruhe sovieler Kinder. ...“

Ludwig Byschl: „Ich liebe dieses deutsche Volk mit glühendem Glauben an seine Sendung. Ich sehe mit Wehmut die tiefe Zerklüftung und arbeite deshalb nur für die Richtung, der ich seit meiner Jugend zugehöre und die sich den Ausgleich der sozialen und politischen Gegensätze zum Ziele setzt. Als Demokrat, der seine Grundgesinnung aus dem Erbe der grossen Achtundvierziger sich erworben hat, habe ich fünf Jahre lang in Roth und nun seit 6 Jahren in Neustadt a.d.Aisch als Stadtrat versucht, dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen....“

Eduard Kolb: „Froh gehen mir zur Seite eine aufrecht blonde Frau, die Mutter zweier blauäugiger Buben. .... Und wie ein neuen Morgenrot in der ... dunklen Gegenwart erscheint mir die Botschaft von Adolf Hitler.“

Hermann Strehl: „Kriegerische Heldentaten kann ich keine aufzählen. Einmal musste ich feldmarschmässig 10 Mauserpistolen an die Westfront bringen. Als ich in Sedan den Standort des Alpenkorps erfuhr, konnte ich gleich wieder abrücken und dem Alpenkorps nachfahren. In Nisch (Serbien) [bin] .. ich dann meine Pistolen losgeworden. Über meine Heimreise mit 11 Karabinern ... will ich nichts berichten.“

H. Kastrup: „Eine fesche Münchnerin schenkte mir meinen Sohn Fritz ... Er soll später mein Ideal, die ‚Bekämpfung der Verdummung im Volke’ weiterführen. Allerdings dürfte er dies nicht, wie Freund Kolb meint, mit Hitlerschen Ideen erreichen, wie uns ja der Staat Thüringen zeigt.“

Emanuel Fischer antwortet Kolb: „Das Heil kommt nicht von Hitler. Es kommt sogar von den Juden. Joh.4.22, das Heil ... kommt allein von oben, vom Herrn Jesus, nicht dem deutschen Jesus, sondern dem ... Menschensohn Jesus.“

Hans Pflug schreibt über 1915-1918: „Ich hielt das Exerzieren in den verschneiten und vereisten Auen nicht aus, bekam Diphterie und Gelenkrheumatismus. Über ein Vierteljahr kugelte ich im Res.Laz. Ingolstadt und Vereinslazarett Abensberg herum und wurde g.v. [garnisons-verwendungsfähig] – eine erbärmliche Compagnieschreiberseele. Von der Kreisregierung wieder angefordert, wurde ich Ende August 1916 entlassen und führte dann Krieg auf den selbstgefertigten Pappdeckelkarten in meiner Schule.“

E. Tworeck (der ganze 5 Seiten füllt) arbeitet von 1913 bis 1921 als Lehrer in Swakopmund und Karibib in Deutsch-Südwestafrika (ab 1915 britisches Protektorat), später in Nürnberg, dann wieder (diesmal für die Deutsche Kolonialgesellschaft) in Südwestafrika. Zum Treffen kann er nicht kommen.

Ernst Hochreuther: „Bis jetzt bin ich noch unverheiratet, dem Grundsatz folgend: Mensch, sei helle, bleib Junggeselle“.

Wilhelm Högner: „Ein gutes Prüfungszeugnis erschloss mir das Tor zum Schuldienst der Stadt Nürnberg. In diesem arbeitete ich bis zum 27. März 1914, an welchem Tage ich einen so schweren Nervenzusammenbruch erlitt, dass ich ins Städtische Krankenhaus verbracht werden musste. Da sich mein Gesundheitszustand noch weiter verschlimmerte ... wurde ich zum 1. Januar 1915 dauernd pensioniert. Meine Pensionszeit verbrachte ich bis jetzt .... im elterlichen Hause.“

August Hörauf: „Meine fürchterlichste Stunde im Krieg erlebte ich auf der Vimyhöhe, als ich [als Kompanieführer] während des feindlichen Vorbereitungsfeuers ... um Ostern 1917 mit gezogener Pistole mich gegen meuternde Soldaten durchsetzen musste.“

 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS