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Jahr: 1954
Bemerkung:
ArtikelNr. 07835
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Walter Hösterey / Hammer: Augenzeugen gesucht, Rundfragen Nr. 8, Rundbrief 1954

Rundbrief, 4°, 8 Seiten (2 ineinandergelegte Blatt), Faltfalzen, lichtrandig, sonst gut. Herausgeber Hammer war bis 1933 Betreiber des Fackelreiter Verlages. Er nennt seinen Druck „Rundfragen“, vorliegend die 8. Ausgabe. Betitelt: „Dokumente der Teufelei verbrannt, Augenzeugen gesucht“.

Hammer (eigentlich Hösterey) plante, ein Archiv zur NS-Diktatur und zum Widerstand aufzubauen und verschickte die Rundfragen wohl an zahlreiche Personen. Empfänger hier war wohl Ruth Andreas-Friedrich, die bis 1945 aktiv Widerstand geleistet und 1942 Briefe der Weißen Rose kopiert und verteilt hatte. Der Rundbrief ist eine faszinierende Quelle und nennt Fakten bzw. Fragen zu Umständen, die bislang eher unbekannt scheinen.

SS. 2 bis 6 bringen 416 Fragen zu Opfern und Tätern, sowie Bitten um Photos (von Hingerichteten von Ploetzensee und Sachsenhausen), Bitten um Bücher und Dokumente sowie um Augenzeugenberichte und Adressen. Die Fragen sind unterteilt in Themengebiete, so u.a.: Erhebung vom 20. Juli 1944 / Gewitter-Aktion? / Kreisauer Kreis / Jugendbewegung / Parlamentarier / Ausländer / Prinz-Albrecht-Straße / Zuchthaus Brandenburg / Strafanstalt Ploetzensee / Gefängnis Lehrter Straße / Deutsche Freiheitsbewegung / KZ Sachsenhausen.

Einige Beispiele: „Adressen gesucht von ... Augenzeugen, die zugegen waren, als die bekannte Turnierreiterin Sauermann, die nach dem 20. Juli verhaftet wurde, bei einem Transport aus dem Güterwagen sprang und dabei ihren Tod fand.“ Frage 403d: „Wer war der deutsche General, der als Kommandant von Borissow in Verzweiflung und Freitod getrieben wurde, nachdem er es nicht hatte verhüten können, daß binnen dreier Tage in seinem Kommandanturbereich 7000 Juden umgebracht wurden? – Wer war der General, der auf Hitlers Befehl als Kommandant von Newel erschossen worden ist? – Wie konnte es geschehen, daß in Torgau die Hitlerjugend den Generalmajor Karl v. Dewitz-Krebs erschoß?“ Frage 411: „Kann es als verbürgt gelten, daß Schacht als Zeuge beim Nürnberger Prozeß am 30. April 1946 erklärt hat: ‚Trunksucht war ein Hauptbestandteil der nationalsozialistischen Ideologie’“. 254: „Wer hat den Maler und Dichter Willi Sachse gekannt, der ein führender Kopf der Beppo-Römer-Gruppe war?“

Hammer schreibt auf S. 1: „Schon im Herbst 1944 wurden die Akten der Gestapo und der Hitlerjustiz überall dermaßen gründlich vernichtet, daß sich der Historiker von heute einer noch nie dagewesenen Situation gegenübergestellt sieht. Nachdem der Henker die Hauptbeteiligten zum Schweigen gebracht hat, fehlen nun auch noch alle wichtigen Dokumente. ... Was sich in den zwölf Höllenjahren im Herzen Europas abgespielt hat, wird noch auf viele Jahrzehnte hinaus Gegenstand sorgfältiger Geschichtsforschung bleiben. Damit man nicht bloß angewiesen bleibt auf Bilder und Papiere .. wird man sich ... bemühen müssen, solide Grundlagen mit Namen und Daten zu erarbeiten, damit man Fakten reden lassen kann. Solche Dokumentation soll über den ursprünglichen Zweck meiner Recherchen hinaus die Hauptaufgabe des Archivs sein, zu dessen Aufbau auch diese Rundfragen mit dienen sollen. .... So hoffe ich auf die Erfüllung vieler meiner Wünsche und grüße in alter kameradschaftlicher Verbundenheit alle alten Kampf- und Schicksalsgefährten, Hamburg .... Pfingsten 1954, Walter Hammer“.

 


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