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sturmbataillonrohr.jpg

Jahr: 1915-1916
Bemerkung:
ArtikelNr. 07057
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E-Mail

 
Sturmabteilung Rohr, Verdun 1916. Feldpost, Dokumente und Fotos

Konvolut aus dem Nachlass des am 8.5.1916 vor Verdun gefallenen Alfred L., eines Angehörigen der Sturm-Abteilung (anfangs auch „Abteilung Calsow“, ab 1.4.1916 „Sturm-Bataillon“, ab 10.2.1917 „Sturm-Bataillon Nr. 5 (Rohr)“). Ledertasche, eingelegt 24 Schreiben (22 Schreiben an Alfred, 2 Schreiben von Alfred), 16 s-w-Abzüge differenter Formate, mehrere unbeschriebene Feldpost-Vordrucke, Soldbuch, polizeiliches Führungszeugnis, Zeitungsblatt mit Todesanzeige, diverse Drucke. 2 Gruppenaufnahmen zeigen Angehörige der Sturm-Abteilung 1915 und 1916, ein Bild bringt vor dem Kronprinz marschierende Soldaten wohl in Beuveilles im Frühling 1916!

Alfred L. aus Dortmund, geb. 28.5.1896, hatte sich am 6.10.1914 als begeisterter Patriot kriegsfreiwillig in Minden zur Pionier Ersatz Abteilung 10 gemeldet. Am 10.4.1915 trat er der 2. Kompanie der „Sturm-Abteilung“ bei (die in seinem Soldbuch „Abteilung Calsow“ genannt wird). Diese am 4.3.1915 gebildete Truppe war die Urformation des späteren Sturmbataillons Rohr (und aller weiteren deutschen Sturmbataillone).
Am 16.5. wurde die Sturm-Abteilung von Köln-Wahn nach Douai verlegt, um an der Lorettoschlacht teilzunehmen. Hier kam es zu hohen Verlusten bei den Angehörigen der Einheit. Das Soldbuch des Alfred vermerkt denn auch, dass er vom 21.6. zum 12.8.1915 im Kriegslazarett in Roubaix lag.
Im September 1915 wurde Alfred denn in Bischoffingen erneut in der Sturmabteilung ausgebildet. Bald darauf kämpfte er in den Vogesen: Am 12.10.1915 erlitt er am Schratzmännle (nahe des Lingekopf) einen Streifschuss, im Dezember nahm er an der Eroberung des Hartmannsweillerkopfes teil. Anfang Februar verlegte er mit der Abteilung ins nördliche Etappengebiet der Verdun-Front, ab März war er in Beuveilles nahe Longwy stationiert. Im selben Monat beförderte man ihn vom Gefreiten zum Unteroffizier. Nach mehreren Einsätzen bei Verdun fiel Alfred am 8.5.1916 am Fort de Douaumont.

Die Stücke fanden sich in einer Tasche in einem Nachlass und scheinen viele Jahrzehnte nicht berührt worden zu sein. Wahrscheinlich handelt es sich um jene Dokumente, die nach dem Tode des Soldaten das Sturmbataillon den Angehörigen zusandte. Vorhanden sind postalische Schreiben an Alfred, 2 unvollendet gebliebene Briefe des Alfred, Photos, sein Soldbuch und weitere Dokumente. Alfred sandte wahrscheinlich die an ihn gerichteten Schreiben eines Monats nach Hause. So wäre zu erklären, dass sich fast nur Schreiben des April 1916 in der Tasche fanden.

Das Konvolut ist wegen der frühen Dokumente zum Sturmbataillon Rohr von hoher militärgeschichtlichter Bedeutung. Hervorzuheben ist ein Bild, das marschierende Soldaten wohl Arthurs Sturmbataillons wohl in Beuveille im April 1916 zeigt sowie 2 Gruppenbilder.
Die Feldpostschreiben sind von teils bemerkenswerter Offenheit. Hier offenbart sich die verzweifelte Lage, in der sich Deutschland bereits 1916 befand. Neu dürfte der Forschung sein, dass es im Kasino der Sturmabteilung arg alkoholisch zuging. Einem Kameraden Alfreds (Leutnant Oswald Menze) zerrüttete das dortige Kasinoleben derart die Nerven, dass er sich in einem Schreiben froh darüber äussert, wegen einer erlittenen „Schramme“ und folgender Dienstunfähigkeit eine Auszeit vom Kasinobetrieb nehmen zu können.

Das Konvolut enthält:
- Führungszeugnis der Polizeiverwaltung Dortmund vom 26.9.1914 für Alfed.
- Soldbuch für Gefr. [durchgestrichen, daneben „Unteroffz.“] Alfred L. ... vom II. Rekrutendepot, Hann-Pion-Ers.-Abtl. 10, Minden, No. 107 der Stammrolle. (8°, kartoniert, ca. 8 Blatt, fleckig und falzig). Auf S. 3 wird der Zugang zum Sturmbataillon vermerkt: „O.U. Wahn, 10. April 1915, z.a. Ers.Komp.Pion.Btl.10“, mit Stempel „Abteilung Calsow“ und unles. Unterschrift des Hauptmanns und Kompanieführers. S. 4 verzeichnet nach Lazarettaufenthalt die ab dem 20.9. erhaltene „Kriegslöhnung“ in Bischoffingen, mit Stempel „Sturm-Abteilung 2. Pion. Komp.“ und Stempel „Sturmabteilung“. Die letzten Blatt enthalten 2 Blatt „Coupon zu dem Sodbuch“, 1915 und 1916, erneut mit dem Sturmabteilung-Stempel.
- Christlicher Votivzettel „Erinnerung an meinen Aufenthalt im Kriegslazarett Hospice civil in Roubaix“ (undat.).
- Schein zur Aufnahme in Lazarett Kientzheim, Bay. Landwehr-Feldlazarett No.2, 13.10.1915, für Alfred ... von der 2. preuß. Pionier Kompanie, Sturm Abt. ...., Ort der Erkrankung: Schratzmännle 12.X.15 7h ... Steifschuß am Kopf (gr.8°, ein kartonstarkes Vordrucks-Blatt, recte mit Bleistift ausgefüllt, Faltfalzen, kleine Läsuren, sonst gut). Scheine dieser Art wurden sowohl für Lazarettaufnahme als auch für Arrestaufnahmen ausgestellt. Verso sollte die in die Anstalt gebrachte Habe vermerkt werden (hier nicht ausgefüllt).
- 2 Verwundetenzettel vom 12. und wohl 13.10.1915, ausgestellt im Bay. Landwehr-Feldlazarett.
- Blatt „Kirchen-Konzert in Stenay am Sonntag den 6. Februar 1916“ mit Vortragsfolge.
- 7 blanko Feldpostkarten und 2 blanko Feldpostbriefe.
- 2 blanko Kartenskizzenvordrucke.
- Doppelblatt aus „General-Anzeiger für Dortmund“ vom 20.5.1916 mit Todesanzeige für Alfred. Alfred dient hier in der „Sturmabteilung der 2 preußischen Pionierkompanie“.
- Visitenkarte des Alfred.
- 13 s-w-Abzüge differenter Formate, Alfreds Verwandte und Freunde. 5 Bilder zeigen Uniformiert.
- 2 s-w-Abzüge à 9x13cm, verso nicht beschriftet. Die beiden Gruppenaufnahmen zeigen Angehörige des Sturmbataillons: Einmal sind unten die Namen der Männer angegeben, Oswald ist ebenso aufgeführt wie Alfred L.; das Bild dürfte im Lazarett entstanden sein, da 3 junge Frauen mit auf dem Photo zu sehen sind. Einmal sind 6 Soldaten zu sehen, darunter Alfred mit Säbel (aufgenommen wohl im April 1916, als Alfred zum Unteroffizier ernant worden war).
- S-w-Abzug à ca. 9x11cm (fleckig, etwas falzig), gezeigt sind marschierende Soldaten mit Stahlhelm, hinten LKWs mit Kennung, salutierend wohl der Kronprinz Wilhelm. Das Bild dürfte im April 1916 in Beuveilles aufgenommen worden sein.

Feldpost an Alfred: 3x 1915, 1x 2/1916, 2x 3/1916, 22x 4/1916. Teils Feldpost (Briefe und Postkarten) von Kameraden, teils Briefe und Karten aus der Heimat (teils Portraitfotos von Soldaten). Im Juli 1915 schreibt ein Jüngling an „Pionier … Roubaix, Hospice civile“. Im Dezember 1915 lautet seine Postadresse: Bischoffingen am Kaiserstuhl, im März 1916 ist seine Einheit in Ruhe in Beuveilles. Eine AK vom 22.4. aus der Heimat ist adressiert: „Sturmbataillon, II. Pionier Komp., z.Zt. Stab der 12. Inft. Brigade“.


Am 15.10. schreibt ein befreundeter Offizier nach Bischoffingen: „.. Nehme an, daß dein Gesuch abgegangen ist. Das Zeugnis haben Abelzigs ebenfalls nach Cöln geschickt. Hoffentlich klappt alles. …“

Am 9.2.1916 schreibt ein Herr Melzig aus Minden: „... Da haben Sie mal wieder kein Weihnachtsfest gehabt, dafür Mühe und Not. Herrlich aber, daß der Angriff geglückt u. das Ziel erreicht wurde. Wieviel ist um den Hartmannsweiler-Kopf schon gestritten und wieviele Verluste deshalb wohl auf beiden Seiten? Wo Sie bis jetzt mit gestürmt haben ist es immer geglückt. Die Sturmabtg. erfüllt ihren Zweck voll und ganz. ... Wie ist es denn mit Ihrer Beförderung geworden? Haben Sie die Tressen bekommen oder nicht? ... Wenn Sie als Gefreiter Untffz.Dienste tun, dann trösten Sie sich, Sie opfern sich u. helfen dem Staate Geld sparen. Bezeichnen Sie es als Unglück, daß Sie bei den früheren Angriffen verwundet wurden? ... Nun, als Freiwllg. gaben Sie Ihre Zeit u. Kraft dem Vaterland, es geht um de Freiheit u. Unabhängigkeit, Gott schenke Ihnen allezeit ein fröhliches Herz, auch auf schwerem Posten unverzagt zu stehen. ...“

Am 10.3.1916 schreibt Alfreds Freund Oswald Menze (wohl ein Leutnant): „... Du hast recht, wenn Du von einer Erholung meinerseits sprichst. Das Leben im Kasino der Sturmabteilung war auf die Dauer doch schädlich für mich. Es ist gut, daß ich durch eine Schramme die Gelegenheit bekommen habe, mein Centralnervensystem mal wieder ein wenig sich erholen zu lassen. Meine Nerven haben doch etwas abbekommen. Mein Ohrenleiden hängt nämlich mit den Nerven zusammen. ...wegen der Ohrengeschichte kann ich vorläufig 4 Wochen nicht einmal Garnisondienst machen. Es ist eigentümlich, wenn man so in Sicherheit ist, ist man viel idealer veranlagt, als wenn man im Schlamassel sitzt, Ich kann dir nur sagen, als man hier zuerst von den großen Erfolgen bei Verdun hörte, war die Erregung und Begeisterung zum mindesten ebenso groß wie in den ersten Kriegstagen. Auch heute redet man noch von dem Fall von Verdun in kurzer Zeit. Daß Du meinen ersten Posten bekommen hast, ist für mich beruhigend und ein Grund zur Freude. Es ist ja jammerschade, daß unsere schöne Kompagnie so hat bluten müssen. .. Daß wir dieser Menschenschlächterei bald ein Ende machen müssen, sagt sich jeder Mensch. ...“

Am 29.3.1916 schreibt Melzig: „... Es war uns eine große Freude, die Gewißheit zu haben, daß Sie aus diesem Feuer wieder heraus gekommen sind, Wenn Sie auch nicht direkt am Kampf beteiligt waren, so standen Sie als Ordonnanz doch mitten drin u. waren ebenso der Gefahr ausgesetzt. ... Die Abteilung kommt doch immer dahin, wo die Luft am dicksten ist. Die paar Übriggebliebenen müssen in der langen Zeit, die sie vor Verdun aushalten mußten, körperlich und seelisch vollständig herunter sein. Möchte es Ihnen nun in Beuveilles an nichts fehlen, damit es auch wirklich eine Zeit der Ruhe und Erholung werde. Die Operationen vor Verdun brachten für die daran Beteiligten schwere, unendlich schwere Wochen, für uns waren es bange Wochen zumal nach den ersten Siegesberichten die stille Zeit folgte. Aber, Gottlob, wenn es auch nicht so klappte als gehofft wurde, bis jetzt geht es, wenn auch langsam, doch stetig vorwärts. Mit altgewohnter deutscher Zähigkeit wird an dem Ziel weiter gearbeitet. Es heißt ja, je heißer der Kampf, je größer die Ehr. Möchte es uns mit unseres Gottes Hilfe gelingen, Verdun zu nehmen, die vielen Opfer wären nicht umsonst gewesen. Je länger der Krieg währt, desto mehr lernt man die Bedeutung des Wortes „Krieg“ kennen ... Die Versorgungsverhältnisse, besonders in den letzten Monaten, sind andere geworden, verhungern braucht aber in unserem lieben Deutschland noch niemand. ....“

Am 7.4.1916 schreibt der Kamerad Walter Bröckmann: „Nachdem ein Jahr in den Argonnen herumgetobt hatte, wurde ich zum Kursus kommandiert, wo ich am 24.12.15 zum Lt. befördert wurde. Bis zum 19.2.16 blieb ich dann noch beim Ers.Batl. Ich war ja 98er, kam im Felde aber zum R.I.R.16, das nördlich von Bras [Bras-sur-Meuse bei Verdun] lag. (Du wirst das Nest ja wohl kennen). Dort wurde ich bei einem nächtlichen Sturmangriff am 12.3. verwundet [wohl ein deutscher Angriff auf den „Pfefferrücken“ / Côte du Poivre], bekam einen Schuß durch den rechten Oberschenkel, Knochen wurde tangential getroffen u. das ist das gemeine. Die Wunde ist kollossal [sic] groß, da Ein- und Ausschuß durch einen Schnitt bis auf die Knochen miteinander verbunden sind. Die Wunde möchte nun gerne zuheilen, darf sie aber nicht, weil täglich noch Knochensplitter herumeitern. ....“

Am 8.4.1916 schreibt ein Kamerad vom 15. Pionierbataillon: „... Du bist auch hier herum gewesen mit euren Apparaten. Ein Kamerad von mir nimmt jetzt am Nahrungsmittellager [?] Nahkampfmittelkursus in Unterlüß [?] teil. Müssen interessante Dinge dabei sein. Heute sah ich in der Illustrierten, daß die Franzosen auch Flammenwerfer haben. Schade. Ihre Gasgranaten sind auch nicht so ohne. ...“

Feldpost von Alfred (2 Schreiben, ein Umschlag).

Arthur schreibt dem Oswald am 6.4.1916: "Nun ist unsere Ruhe schon wieder zu Ende. Von übermorgen ab stehen wir als fertig ausgebildet dem A.O.K. zur Verfügung. Da wird es wohl nicht mehr lange dauern“, dann bricht der Brief ab.

Am 14.4. schreibt er einem Rudolf: „.. Ein unfruchtbares Leben, dieses Kriegsleben. Ein Hin und Her ohne Zweck und Ziel. Ja, als es damals, vom 21. Febr. ab, so schön vorwärts ging, da konnte man wieder so etwas Lust bekommen. Leider dauerte diese Herrlichkeit nur 4 Tage. Da gings nicht mehr weiter. Wir sind der Heeresgruppe des Generals Mudra zugeteilt, der den Abschnitt Fort Douaumont - Fort Vaux innehat. … Unsere I. Komp. war Sonntag nach vorn gefahren. Für Dienstag nachm. 5 Uhr war sie zum Sturm angesetzt auf die Stellung südlich des Forts Douaumont, gruppenweise verteilt auf 3 Bataillone Infanterie. Als nach 8 stündiger Artillerievorbereitung die ersten den Kopf aus dem Graben streckten, prasselten ihnen aus allen Ecken die Maschinengewehre entgegen, sodass alles wieder verschwinden musste.“ Hier bricht der Brief ab.

 


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