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Jahr: 1941-1945
Bemerkung:
ArtikelNr. 05713
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Schloß Adldorf bei Eichendorf in Niederbayern. Haiga Gräfin von A.-V. , 100 Briefe 1941-1945

Konvolut von Briefen und Postkarten welche eine Haiga Reichsgräfin von A. auf V. (1912-1977, ab 11/1941 bis Ende 1943 Haiga "von Heinl") von 1941 bis 1945 an Gudrun, eine in München wohnende Freundin geschrieben hatte. Die Überlieferung scheint bis auf wenige Fehlstellen komplett zu sein. Bei den gesamt ca. 100 Schriftstücken handelt es sich zumeist um Briefe ohne Umschlag, teils auch um Postkarten, teils um Ansichtskarten. Vereinzelt sind Umschläge zu den Briefen erhalten. Die Stücke berieben, teils falzig, im Ganzen gut erhalten.

Haiga schrieb zumeist von Schloß Adldorf, teils aus Wien, teils von anderen Orten. Haiga lebt in den Jahren 1941 bis 1945 teils mit ihrer Mutter, Reichsgräfin Adelheid von A. auf V. (geb. von Aretin), anderen Geschwistern und zahlreichen weiteren Personen im Schloß Adldorf. G. und Haiga hatten sich wohl im April 1941 kennen gelernt.

Haigas anfänglicher Verlobter, der aus Wien stammende Hanno, ist im August 1941 als Regimentsadjutant bei Cherbourg stationiert. Ende des Monats wird die Verlobung allerdings gelöst. Im November 1941 ehelicht H. den wohl ebenso aus Wien stammenden Paul von Heinl. Heinls Vater war der Bundesminister Eduard Heinl. Paul dient 1941 und einige Monate des Jahres 1942 als Sanitäter im Osten, bis man ihn im April 1942 (wohl ob seiner Beziehungen) an die Wiener Heimatfront versetzt. Im März 1943 trennt sich Haiga auch von Paul, zur Scheidung kommt es im Juli des Jahres. Haiga lebt denn mit einer (sehr eifersüchtigen) Uschi zusammen.
Die Jahre 1943 und 1944 verbringt Haiga überwiegend in Wien. Sie scheint als Adelige ein eher sorgenfreies Leben ohne Arbeit und mit zahllosen Soupers im Hotel Bristol verbracht zu haben. Zwar schreibt sie von kriegsbedingter Musterung und Arbeitsdienstpflicht, doch hatte sie genügend Krankheiten und Gebrechen (besonders über Hämmorhoiden klagt sie oft) und wohl auch Beziehungen, um einem Arbeitseinsatz zu entgehen. Stattdessen verbringt sie besonders die erste Jahreshälfte 1944 mit gesellschaftlichen Amusements, Zigaretten, Alkohol, privaten Festessen, und ausgedehnten Bridgepartien. Im Sommer 1944 lebt sie ca. einen Monat lang in einem Schloß in Pörtschach in Kärnten, sie segelt, radelt, sonnt sich. Ende des Jahres zieht sie aus Sicherheitsgründen wieder nach Adldorf, wo sie auch das Kriegsende erlebt.

Man ist überrascht, wie hedonistisch hier der Krieg erlebt und dargestellt wird.


1941, Mai-November: 14 Stücke (im November die Hochzeitsanzeige mit Umschlag).
1942, Januar bis Dezember: 28 Stücke
1943, Januar bis Dezember: 15 Stücke
1944, Januar bis November: 14 Stücke, überwiegend aus Wien
1945, März: 2 Stücke.

Dazu ca. 30 Schreiben von anderen Familienangehörigen (u.a. dem zeitweiligen Gatten Paul von Heinl, wohl einer Schwester der H. namens Franzi, einer Gräfin Droste aus Adldorf) an Gudrun, überwiegend 1942.

6.5.1941: "... Hier ist es scheußlich kalt auch im Haus da wir seit 1. Mai keine Zentralheizung mehr haben von wegen Kohlenmangel. ... Bin schon froh, daß Du gute Nachrichten von Deinem Verlobten hast, der meine ist noch in Magdeburg und stöhnt furchtbar darüber. ... Die Führerrede im Reichstag neulich war ganz groß. Phantastisch, wie gering unsere Verluste waren aber 2 Sätze haben mich erschreckt. 1. "Die Waffen waren letztes Jahr gut, heuer sind sie besser und nächstes Jahr müssen sie noch besser werden." Ich habe gehofft, nächstes Jahr wird der Krieg zu Ende sein. Und 2. die Sache mit den Frauen. Ich fürchte, daß demnächst ein Gesetz kommen wird, alle Frauen, die keine Kinder haben und nicht in der Landwirtschaft tätig sind, müßen in die Munitionsfabriken. ..."
31.7.1941: "... Diese Reise nach Elberberg bei Kassel kam so plötzlich. Aber der Bruder meines Schwiegervaters wollte mich um jeden Preis kennen lernen un so fahren wir halt hin. Elberberg ist das Stammschloß der Familie Buttlar, wirklich wunderhübsch. Ein alter Turm steht noch aus dem 11. Jahrhundert und auch ... die Burg besteht aus dem 16. Jahrhundert. Ganz prachtvoll alte Sachen sind in diesem Haus und es tut mir von Herzen leid, daß ich da nicht auch einmal wohnen darf. ..."
22.10.1941: "... Radio Belgrad hören wir weiter jeden Tag trotz des Benediktusspiels ..."
5.11.1941: "... Hochzeitstermin ist noch keiner, aber er [Paul] glaubt bestimmt, im November noch Urlaub zu bekommen. Die Papiere sind nun dort eingetroffen ... Die zukünftige Schwiegermutter hat auch geschrieben. Allerdings noch etwas förmlich, mit "Gräfin" und "Sie" ... Mein weekend war nicht komisch. Ich saß natürlich Abend für Abend am Radio und hörte den Sender Belgrad ..."
18.22.1941: "... bitte ich dich, besorge mir wieder 'Adsorgan' [?], was man in unserer Eichendorfer Apotheke nämlich wieder nicht bekommt und ich habe neulich wieder alles aufgebraucht. ..."

9.2.1942: "... Pauli geht es wieder gut, Gottlob! Am 28.1. wurde er aus dem Lazarett entlaßen ... haben sie sofort eine 'reizende' Beschäftigung für ihn gefunden. Als Totengräber von Fleckfieberleichen. Da muß er von 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends bei 40-50° Kälte in Schnee, Sturm und Wind draußen stehen. ... Sie haben am Tag 500-1000 Gefangenenleichen zu beerdigen. .... Sehr lustig war dein Witz über den Unterschied im Dritten Reich und dem Paradies..."
4.4.1942: "... Von Pauli bekomme ich viel Post. Er ist komischerweise noch immer in Polen in seinem Fleckfieberlazarett, obwohl die Injektion nicht mehr verwendet wurde. ..."
24.9.1942: "... Ja stell dir vor, wir hatten [in Adldorf] auch in der Nacht selbst den Lärm der Bomben. Ich wachte auf durch das Klirren der Fenster und durch das dumpfe Donnern und rief die Schwester und frug sie, ob das ein Gewitter sei. Sie sagte, ich stehe schon eine halbe Stunde am Fenster und schaue was los ist. Es ist genau so ein Lärm wie wir in Dahlem hörten, als in Magdeburg die Bomben niedergingen. Da dachten wir beide an München aber es ist unglaublich, bei 135 km Entfernung. ..."

18.4.1944: ".. Bist doch ein rechter Kindskopf zu glauben, daß weil ich Dir Gudrun auf eine offene Karte schreibe, daß deshalb meine Gefühle kälter geworden sind. ... Ich bin schrecklich viel eingeladen zu Bridge-Partien usw., was immer recht mühevolle Auseinandersetzungen mit Uschi mit sich zieht, aber ich sehe viele Leute. ... Mit dem Alten [um wen es sich hier handelt, bleibt unklar] war ich letzter Zeit auch wieder viel zusammen. Am Mittwoch soupierte ich mit ihm im Bristol. Donnerstag war er mit der dänischen Konsulin .... [unles.] u. Baronin Richthofen wie mir zum Bridge. Freitag war er mit Lucy u. mir in Marten [?], einem Weinort in der Umgebung, wo wir jeder 3 Ltr. Wein bekamen. Am Samstag war er wieder mit dem Ehepaar Bentl und Lucy wie mir zum Bridge. und abends um 9 Uhr waren ich, Lucy und das Ehepaar Ma... [unles.] wie dem Alten zu einer Bridgepartie. Wieder so ein richtiges Altenfest mit rasend viel Alkohol, Zigaretten, Schinkenbraten und schwarzem Kaffee. Das Ganze dauerte bis 1/2 7 Uhr. Gestern war der Alte und ich bei einer Bridgepartie nachmittags bei Ma... und abends waren wir wieder beide bei einem Souper mit nachheriger Bridgepartie. Um 1/2 2 Uhr war es dann zu Ende. Du siehst ich führe ein schrecklich bewegtes Leben, das ich aber so liebe. Auch diese Woche ist heute schon wieder voll besetzt. Echt Wien, gell! Wir haben jetzt auch schon viel Alarm und einige Außenbezirke sind schon total zerdeppert. Aber sonst ist uns nicht viel geschehen. ..."
27.8.1944: ".. erhielt gestern die Nachricht von Helmuts Heldentod. .... Wirklich, die Elitemenschen müssen alle sterben, aber man muß es ihnen fast gönnen, denn wer weiß, was ihnen erspart bleibt und uns noch bevorsteht. ...."

Haigas kurzzeitiger Gatte Paul schreibt am 16.9.1942: "... Es hat sich allerdings seit deinem letzten Hiersein einiges verschlechtert, denn es gibt fast nichts mehr zu trinken und in den Nachtlokalen muss man sehr gut angeschrieben sein, wenn man ein paar Flaschen Sekt haben will. Aber wie du weisst, bin ich ja in allen Lokalen bestens bekannt ...."
18.10.1942: "... Wenn du wieder etwas [Wein] auftreiben kannst, so denke bitte an uns, denn Schloss Adldorf ist vollkommen trocken. Ausser Dünnbier gibt es hier überhaupt nichts mehr. In Wien wird nun auch alle Quellen versiegt [sic] und ausser in Bars bekommt man nichts mehr. ...."

 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS