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Jahr: 1938-1939
Bemerkung:
ArtikelNr. 05036
Besucher 2.893

 

E-Mail

 
Feldpost Leutnant Gebirgsjägerregiment 98, Garmisch 1938-1939. Helmut Beyer

Konvolut von Briefen eines Soldaten an eine aus München stammende junge Frau. Die 1938 bis 1939 verfassten Schreiben fanden sich im Nachlass der Frau. Gesamt 31 vom 12.7.1938 zum 20.8.1939 verschickte Briefe (teils ein-, teils mehrseitig, teils 4°, teils im Umschlag verschickte Karten) und 4 Bildpostkarten, dazu 2 Portraitfotografien (einmal verso mit Stempel des Fotografen, Garmisch 1938).
Ca. 30 der 35 Schreiben wurden in Garmisch verfasst.

Erhalten sind ausserdem die allesamt per ziviler Post geaufenen Umschläge. Dazu kommen eine vom Offizier bei Kriegssausbruch versandte Informationspostkarte mit Angabe zur Feldpostnummer, 2 von der Frau an diese Nummer verschickte und von der Truppe ohne Angabe von Gründen rückgeschickte Briefe, sowie ein Schreiben der Auskunftsstelle des OKW an die junge Frau (vom 11.11.1939).
Enthalten ist im Bestand auch die Gegenüberlieferung. Die ca. 35 meist mehrseitigen Briefe, welche die junge Gudrun von Juli 1938 bis August 1939 an ihren Helmut schrieb, wurden kurioserweise im Nachlaß der Frau gefunden. Eine genaue Auswertung musste indes unterbleiben.

Der junge Soldat Helmut Beyer ist anfangs Oberfähnrich in der 3. Kompanie des Gebirgsjägerregiment 98. Er wird Anfang September 1938 zum Leutnant befördert und erhält einen Schreibtischposten mit Sekretärin. Beim Einmarsch ins Sudetenland nimmt er nicht teil, stattdessen bleibt er in Garmisch als „Nachkommandoführer“. Mitte 1939 ist er Kompanieführer der 1. Kompanie und stellvertretender Adjutant beim 3. Bataillon.

Beyer liefert viele spannende Details zum Leben im Garmisch der späten 1930er, da er an zahlreichen offiziellen Terminen als Wehrmachtsvertreter teilnahm. Auch die „Reichskristallnacht“ (bei ihm ‘Judensturm’ genannt) erwähnt er. Beyer fiel wahrscheinlich 1939 in Polen.


Zitate.
12.7.1938: „... Das olympische Dorf ist ganz fabelhaft angelegt u. da wir schon Oberfähnrich sind, ist auch die Behandlung ganz anders und viel angenehmer als in München. Andererseits haben wir leider soviel Dienst, daß wir selten nach Berlin hineinkomen. ...“
21.8.1938 (Grafenwöhr): „... Ich hab glücklicherweise nach allgemeiner Anschauung die beste Kompanie im Bataillon, vielleicht im Regiment erwischt. Dazu einen Chef, der sehr angenehm ist. Auch an den Kommandeur gewöhnt man sich; einmal wird man nach allen Regeln der Kunst angepfiffen, am nächsten Tag drückt er dir wieder mit loyalem Wohlwollen, herzlich entgegenkommend die Hand. Er trägt jedenfalls nicht auf. Der Dienst hier ist interessant, ich bin Zugführer u. wurde so nebenbei auf Herz und Nieren geprüft. ...“
25.9.1938: „... Abends hatte ich als Ehrengast und Vertreter der Wehrmacht eine Fahnenweihe der Deutschen Arbeitsfront in der Festhalle beizuwohnen. Ich habe mir die Reden angehört u. im Übrigen die verschiedenen Stellungen er..., wie man einen Säbel hält. Wir leben wirklich in einer großen Zeit....“
20.10.1938: „... Heute kam bereits das Vorkommando [aus Tschechien] und der Oberfeldwebel an. Die Dinge, die sie erzählten, waren nicht gerade sehr optimistisch. Motto bei der Truppe: ‘Nur heim ins Reich!’ ein Oberfeldw. brachte in einem kleinen Reagenzglas drei Flöhe mit. Das seien nur 3 unter Tausenden, meinte er. ....“
27.10.1938: „... Am Vormittag [ca. 25.10.] kam der erste Transport meines Bttls. u. wir hatten diesmal einen Empfang vorgeschlagen u. organisiert, wie ihn Ga.-Pa. noch nicht erlebt hatte. Nämlich alles geflaggt, die Schulen hatten frei, BDM und HJ bildeten Spalier, der Triumphbogen war tatsächlich errichtet, an der Festhalle hielt der Bürgermeister eine Ansprache, kurz ‘Garmisch war im Freudentaumel’. Die Soldaten staunten nur. ... Im Übrigen herrschte eine ziemliche Abschiedsstimmung in den letzten Tagen bei uns, da die Reservisten u. aktiven Zweijährigen gestern entlassen wurden. Am Diestag Vormittag war noch große Standortparade hier. Ich war Fahnenoffizier, stand also natürlich im Mittelpunkt des Interesses (!?). ...“
1.11.1938: „...Heute bin ich nun ... um 5 Uhr aufgestanden u. habe mit der Kompanie einen fabelhaften Bergmarsch abgeleistet. Wir hatten nämlich keinen Feiertag. Das Wetter war einfach herrlich allerdings kalt. Wir marschierten durchs Höllental und die Klamm war phantastisch, dann weiter über die Höllentalhütte - hier begann bereits bei 1300m der Schnee - auf die Riffelscharte [?] 2100, wunderbarer Sonnenschein u. Aussicht. Teilweise war die Sache mit den 50 Mann nicht ganz einfach, da das Geröll gefroren war. ...“
16.11.1938: „... Am 9. November (Vorabend es Judensturmes) uniformiert bei einer sogenannten Weihestunde in der Festhalle gewesen. Nach einem Trauermarsch, der sich wie ein Tango anhörte, u. einer sehr lauten Rede des Kreisleiters, bei der sich die Vertreter der Wehrmacht als ruhender Pol in der tobenden Volksmenge ... [unles.], ein Gläschen Dunkles im ‘Marktplatz’ u. dann nach Hause. ... Ich bin der einzige Offizier in der Kp. geblieben u. habe bis jetzt den Eindruck, daß mir die Arbeit in diesem Winter bestimmt nicht ausgehen wird. Nachdem mein Chef auf dem Standpunkt steht: ‘Ich kann es schon, also machen Sie es’, läßt er mich selbständig arbeiten u. korrigiert nur ab und zu. So stelle ich die Dienstpläne auf, mache die Organisation u. was so darum und dran hängt, jedenfalls genug, um die Abendstunden am Schreibtisch zu verbringen. Dazu kommt dann noch die ganze Vorbereitung auf den Dienst, der für mich als Neuling besonders notwendig ist (speziell Unterricht), die recht umfangreiche Offiziersausbildung und mein Referat als Standortbüchereioffizier. ...“
15.2.1939: „... Am Montag Abend mußte ich noch nach Mittenwald, nachdem dem Generalobersten Adam (früher in München) die Uniform unseres Rgts verliehen worden ist. Schörner hatte die feierliche Angelegenheit in altbewährter Form ganz groß aufgezogen u. es war auch wirklich sehr nett, umsomehr, als ich schon um 0.15 wieder in Garmisch war. Schörner sprach wie immer ausgezeichnet, Adam sehr herzlich u. man merkte, daß die in Mittenwald, wenn sie auch sehr gern die Garmischer Sonne hätten, wenigstens Feste feiern können. Das haben sie uns voraus. ...“
Am 1.9.1939 schickt Helmut eine vorgedruckte Feldpostkarte mit Angabe der Feldpostnummer (O 8394), „Postsammelstelle München“. Gudrun schickt ihm an die „Adresse“ 2 Briefe (6.9., ungeöffnet; 14.9., geöffnet), die beide zurückgingen mit handschriftlichem Vermerk „zurück an Absender“ . Am 5.10. schickt sie eine Anfrage an die Wehrmachtsauskunftsstelle, welche am 11.11. beantwortet wird mit: „Über den Genannten liegt bisher keine Verlustmeldung vor“ (ein Blatt, recte Text Gudrun, verso Text Auskunftsstelle).



Helmut Beyer fiel laut Auskunft des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge am 13.9.1939 in Polen. Weshalb die Vermisstenstelle im November 1939 davon noch keine Kenntnis erlangt hatte, bleibt rätselhaft.


 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS