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Jahr: 1943
Bemerkung:
ArtikelNr. 05033
Besucher 1.851

 

E-Mail

 
Feldpost Ostfront 1943, Totaler Krieg. Leutnant Josef Schmidt

Konvolut von 15 Feldpostbriefen aus einem Nachlass. Die Stücke schrieb der Leutnant Josef Schmidt zwischen Januar und Juli 1943 und 1x im August 1944 an eine junge Frau aus München. Zustand: Berieben, sonst gut. Die Briefe sind ein- bis mehrseitig, teils mit Umschlägen (2x mit Marke „Luftfeldpost“), teils aufklappbar, teils ohne Umschlag. Das erste erhaltene Schreiben vom 7.1.1943 ist lokalisiert mit „Schwabach“, das 3. (25.1.1943) mit „Ljubotin“, der Rest ohne Ortsangaben. Felpostnummer 21798.

Leutnant und Zugführer Schmidt scheint den Gebirgsjägern anzugehören. Vom Krieg ist er wenig begeistert.

25.1.1943: „... Die Landschaft ist sehr hügelig, leider sind die Brettln der Komp. wie so vieles dem Russen in die Hände gefallen, so ist es also aus damit, sich einmal Schier unter die Füße zu schnallen. ...“
26.2.1943: „... Wir liegen zur Zeit in einem richtigen Negernest, die Kompanie ist etwa auf einen Kilometer verteilt, in lauter Panjebuden verteilt, alle hundert Meter eines. Weißt du wie so eine Bude aussieht? Baufällig, aus Lehm errichtet, ein Retdach drauf, ein Wunder moderner Architektur. Die Hühner wohnen mit im ‘Zimmer’, geschlafen wird auf dem Ofen, und waschen sieht man sich die Panjes überhaupt nie. Auf dem Lehmboden wird Stroh wie in einem Kuhstall ausgeschüttet, alles in allem, schlimmer wie bei den ersten Menschen. So ein Haus hat 2 Räume und einen riesigen Kettenhund. In einem Raum wohnen die Zivilisten, im anderen die Soldaten, und wenn es nicht anders geht eben alles zusammen in einem. Als zivilisierter Mitteleuropäer kann man sich sowas gar nicht vorstellen, das muß man gesehen oder miterlebt haben. Aber ich fühle mich jetzt schon ganz wohl in meiner Bude. Sie hat sich auch etwas verändert und gleich ein anderes Gesicht bekommen. Ein nettes buntes Tischtuch auf dieses Möbel, die geschmacklosen Photographien habe ich gleich rausgeschmissen und ein paar eigene Bilder an die Wand gehängt, die Blatt- und Stielpflanzen in verrosteten Konservenbüchsen dürfen gnädig ihr Leben weiterfristen, dafür sind aber so Familienstücke wie Gipstauben, Papierblumen usw. in großem Bogen rausgeflogen. Ein Schrank steht auch in meinem Zimmer, 20cm von der Wand weg auf Ziegelsteinen aufgebaut, damit er nicht feucht wird, wie mir die Pania verraten hat. ‘Napome’ [hier kyrillische Buchstaben] murmelnd, womit sie ausdrücken wollte, wie gut und wertvoll der Schrank sei, wollte sie ihn mir zeigen, dabei ist mir beim Aufmachen die Tür an den Kopf gefallen und im finstren Eck war ein Mäusenest. Schade, daß Wilhelm Busch nicht in Rußland war. ... Am meisten Freude macht mir mein Radio, ein Batterieempfänger. ... Durch den Radio hatte ich Gelegenheit, der Kompanie die Rede des Reichsminister Göbbels im Gemeinschaftsempfang hören zu lassen. Die Soldaten waren alle begeistert, manche hatten ganz feuchte Augen. Nur die so lobreiche Erwähnung unserer Verbündeten - wir wissen ja nur zu genau, wem wir es zu verdanken haben, daß wir weit zurückgehen mußten. ...“
19.3.1943: „... Vor wenigen Tagen war ich zum ersten Mal wieder in Charkow, kaum wiederzuerkennen. Man sieht meistens vom Erdgeschoß gleich in den Himmel, ... und Trümmer sind übriggeblieben. So ist auch richtig reingesetzt worden. ...“
30.6.1943: [hier beiliegend 2 Luftfeldpostmarken]. „... Die Zivilpersonen haben hier mächtig Angst, es müssen viele nach Deutschland und die Meinung, daß sie in Deutschland nichts zu essen bekommen und geschlagen werden, läßt sich bei manchen einfach nicht rausbringen. Sie sind nicht anders gemacht, als so zu denken. Sibirien, bei denen heißts jetzt Deutschland. Und leider wirds auch manchmal falsch angepackt. ... So müssen doch jetzt viele Eingeborene aus der Ukraine zu Hause sein, hier rollt ja ein Zug nach dem anderen. Auch das ist eine organisatorische Glanzleistung. ...“

 


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