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Jahr: 1938-1942
Bemerkung:
ArtikelNr. 05029
Besucher 2.201

 

E-Mail

 
SS-Feldpost 1938-1942, Junkerschule, Dachau, Rgt. Der Führer, SS-Abschnitte in Österreich

Aus dem Nachlass einer Frau stammt dieses Briefkonvolut. Enthalten sind Schreiben, die der SS-Angehörige Rolf K. von 1938 bis 1942 an sie schrieb, gesamt ca. 23 Briefe (zumeist 4°, meist zwei- teils mehrseitig), 4 Postkarten, ein s-w-Photo und 2 Gedichttexte des SS-Mannes. Zustand. Berieben, faltfalzig, sonst gut. Nur ein Umschlag ist erhalten.

Die Überlieferung scheint komplett. Der aus Bonn stammende Rolf und die Münchnerin Gudrun lernen sich im Sommer 1938 in der Oper zu München kennen und treffen sich in den folgenden 2 Jahren einige Male. Daß Rolf in die junge Münchnerin verliebt ist, wird ab dem ersten Brief deutlich. Ende 1939 kühlt sich das Verhältnis ab, 1940 verloben sich beide mit anderen Partner.

Der Absender wird an der Junkerschule Bad Tölz ausgebildet und denn dem Regiment „Der Führer“ zugeteilt. Er liegt im SS-Lazarett zu Dachau, nimmt am Einmarsch ins Sudetenland teil, ist als Adjutant bei diversen SS-Abschnitten in Österreich stationiert und dient später im Kriege (1940 beim Küstenschutz, 1941 an der Ostfront beim Regimentsstab).

Bemerkenswert ist eine aus Prag verschickte NS-Weihnachtskarte mit Aufdruck „Zum Julfest und zum Jahreswechsel herzliche Grüße!“ (Poststempel „Deutsche Dienstpost Böhmen-Mähren“). Hinten findet sich kurioserweise keinerlei Urheberhinweis - es scheint sich um eine SS-interne Karte zu handeln.

Einige schriftliche Äusserungen des Rolf sind von hohem Quellenwert, da hier Gefühlslage, Denken und Handeln der jungen NS-Elite treffend geschildert sind. Daß die „teils gegen die klarste Vernunft“ gehende emotionale Verbindung zu Hitler durchaus zum Verderben des deutschen Volkes führen kann, ist dem Autor trotz aller Propaganda, die er jahrelang in sich aufgenommen hatte, erstaunlich klar [Brief 5.5.1940].
Interessant ist die Toleranz, mit der Rolf der am System zweifelnden Gudrun gegenübertritt. Er windet sich durch verständnisvolle Formulierungen, um das baldige NS-Erweckungserlebnis seiner Angebeteten anzukündigen. Die Liebe macht sogar einen überzeugten Nationalsozialisten liberal!

Die Schriftstücke verteilen sich auf die Jahre (Absendeorte):
1938: 10 (Bad Tölz, Dachau, Ungarschütz, Klagenfurt, Wien).
1939: 6 (Bonn, Innsbruck, Linz, Prag).
1940: 7 (Prag, Pforzheim, Bonn, Wien).
1941: 3 (Ostfront).
1942: 1 (Ostfront).

Zitate:
31.7.1938 „.... Ich habe die Schlußprüfungsarbeiten gut geschrieben und somit den Lehrgang auf der Junkerschule gut beendet. Wir sind jetzt alle hier in Dachau zu einem Kompanie- und Zugführerlehrgang ....“
11.10.1938: „... Wegen dem Ernst der außenpolitischen Lage wurde unser Zugführerlehrgang in Dachau verkürzt am Reichsparteitag beendet. Nach dem Vorbeimarsch am Führer, am 10.IX., wurde uns anschließend im SS-Zeltlager bekannt gegeben, wohin wir kommandiert worden waren, d.h. zu welchem Truppenteil. Mehrere Kameraden und ich kamen zu dem SS-Regiment, das nach der Angliederung Österreichs ans Reich in der Ostmark aufgestellt worden war und auf dem Reichsparteitag vom Führer den Namen SS Regiment „Der Führer“ verliehen bekam. Noch am Abend dieses Sonntages fuhren wir nach Dachau zurück, wo dann am nächsten Tag in rasender Eile die gefassten Sachen abgegeben wurden. Nachdem wir unsere Koffer gepackt hatten, wurden wir sofort abends noch nach unseren neuen Truppenteilen in Marsch gesetzt. ... Wir kommen alle am 9. November nach München, um dort dem Führer vorgestellt zu werden. ... Als wir uns Mittwochs beim Regimentskommandeur vorstellten, wurden wir von ihm auf die einzelnen Bataillone verteilt. So kam ich zu dem III. Bataillon, das in Klagenfurt eine überaus schöne Garnison hat. .... Ich erhielt dann vom Regimentskommandeur den Auftrag als Führer der Kraftfahrkolonne neue Fahrer auszubilden.... Da sich nun der Ernst der Lage verschärfte und man im Allgemeinen mit dem Austragen des Streitfalles mit Waffen rechnete, so kamen zu erstenmal Stabsoffiziere zu unseren Bataillonen, um beim Ernstfall die Stellen zu übernehmen, die weniger einsatzfähig waren, damit wir Jungen an die Frontstellen kommen konnten. So erhielt ein älterer Offizier meine Kraftfahrkolonne, während ich Ordonnanz-Offizier bei einem Btls.-Kommandeur wurde. Ich war damals heilfroh, denn wenn es losging, hinten in der Etappe als Häuptling der Benzinkutscher hocken zu müssen, während vorne die Kameraden kämpften, dies wäre für mich schrecklich gewesen; so aber war ich auf jeden Fall mit in den vordersten Linien. Nun konnte es ruhig losgehen. Von dem Truppenübungsplatz ging es dann an einen anderen Ort, ebenfalls in nächster Nähe der Grenze. Bei dieser Fahrt passierten wir, ein ungeheuer langer Militairzug, an einem Sonntag Wien. Die Leute winkten uns zu, wo wir hielten, warfen sie uns Zigaretten, Schokolade usw. in die Wagen. Bilder flogen den Zug entlang. Wir alle waren glücklich, daß es endlich losgehen sollte. Wir waren in einer wunderbaren, beinahe nicht zu beschreibenden Stimmung, so, wie sie 1914 beim Auszug war, wie sie uns Walter Flex und andere so herrlich beschrieben. ... Endlich war es soweit, wir waren jung, Soldaten und vor allem, wir waren dabei und lernten endlich beweisen, daß wir unseren Glauben an den Führer, unsere Weltanschauung nicht nur auf den Lipen zu tragen gewillt waren. Jedoch von der Grenze aus wurden wir wieder an einen anderen Ort verladen, weiter von der Grenze fort, und während der Tage, wo wir dort waren, verfolgten wir mit fiebernder Spannung, ob es nun endlich soweit wäre. Und als es heraus war, daß alles eine friedliche Lösung erhalten sollte, da waren wir tief enttäuscht und viele von uns sagten: ‘Wir sind von den Tschechen um den Krieg betrogen worden’. Denn so fabelhaft es vom Führer war, diese gesamten Probleme auf friedliche Weise zu lösen, so viel But und Not und Leid vor allem den Sudetendeutschen erspart wurde, so bitte verstehe auch uns, die wir .... uns doch auf diesen Krieg gefreut hatten. ... Jedoch, daß es zu keinem Krieg kam, dies wußten wir und das wird einmal ... in die Weltgeschichte eingehen als das unsterbliche, ewige Verdienst eines Mannes: Adolf Hitler. ....“
28.12.1938: „...Mein Kompanie-Chef hat mich nämlich heute wegen des Autounfalls in Tegernsee vernommen, da ja die Polizei nicht berechtigt ist, SS-Männer zu vernehmen. Mir wird zur Last gelegt, daß ich durch allzu leichtsinniges Fahren Menschenleben gefährdet hätte und mich dann obendrein noch über den Unfall und die beiseitespringende Frau lustig gemacht hätte. ... Da meine Aussagen an Eidesstatt erfolgten, da ich sie später vielleicht einmal eidlich abhärten muß, so mußte ich leider auch angeben, wer die Dame und der Herr in meinem Wagen war [nämlich Gudrun und ihr Bruder Harald]“.
12.2.1939: „... Aber schau, ich stecke hier in Wien in einer Fülle der für mich neuen Arbeit, von dienstlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, die mich bis spät in die Nacht beanspruchen ... Und gerade zur Zeit sind es die Letzteren, die mich dienstlich auf Bälle gehen heißen, mit meinem Oberführer , sei es der ‘Ball der Stadt Wien’ und wie sie alle heißen. ...“
4.5.1939: „... Meine vorläufige Anschrift: SS Abschnitt XXXVI, Innsbruck, Bismarkplatz, Hochhaus. ... Wie du ja weißt, war ich in Wien Adjutant im Abschnitt XXXI. Ich bin nun hierher zu meiner weiteren Ausbildung versetzt worden ...“
5.5.1940: „... Denn ein jeder Glaube, sei er noch so an praktische Dinge gebunden, fühlt doch nicht nur allein mit dem Wissen und der verstandesmäßigen Erkenntnis, die uns die reine Vernunft gibt, sondern zieht doch seine stärkste Kraft aus den tiefsten Tiefen der Seele. Und dies doch gerade bei uns, bei unserem Glauben an den Führer und an seine Weltanschauung, wo doch Blut, und somit Instinkt, und auch die Seele die festeste Grundlage bilden, die uns als Deutsche mit dem Führer auf Gedeih und Verderb für immer innerlich verbindet; sei es auch gegen die klarste Vernunft. ... Ja, es ist so; wenn man sich aus tiefster Seele durchrang zu den ersten Anfängen eines festen unerschütterlichen Glaubens, so wächst dieser Glaube in fortwährenden Kämpfen mit sich und der Umwelt immer tiefer fester in das eigene Ich, die Welt von der wahren blutlich erfaßten Anschauung ausrichtend und wertend, so daß man zuletzt das eigene Ich von diesem Glauben an den Führer, von dieser Weltanschauung nicht mehr trennen kann, und es dann leichter wäre, sich von seinem Leben zu trennen, als diesen Glauben preiszugeben, der uns nun mehr als unser Leben bedeutet. ...“
28.12.1941: „... Er [der letzte Brief] wurde mir nach mancherlei Umwegen nach meiner neuen Dienststelle nachgesandt, wo ich jetzt beim Rgts.-Stab neue Aufgaben erhalten habe. ...“
26.5.1942: „.... Nachdem ich voriges Jahr mit meiner alten Einheit vor Leningrad lag, bin ich nun mit meiner neuen nach etwas über einem Monat Truppenübungsplatz Ostpreußen, seit Mitte Februar an der Ilmenseefront. ... Wichtiger ist denn auch, wenn die Offensive wieder anfängt, daß man endlich diese jüdisch-bolschewistische Pest restlos ausrotten kann. Kertsch war ja ein flammendes Fanal. Wir glauben, daß es eines Tages etwas weitergehen wird. Überall dort, wo der Führer befiehlt. ...“

Aus dem Text „Eine kleine Philosophie über das Glück“: „... Schau, wie sehen im Menschen eine Ganzheit, die unteilbar ist. Körper, Geist und Seele, sie sind eins. Was nun ein Mensch Gutes oder Schlechtes will, dies will er ganz. ... Ist er ein echter Kerl, reiner Art und reinen Blutes, so schafft er mit seinem Glück auch ein Stück Arbeit, das um seines Volkes Schicksal zu leisten ist. Ist er schlecht, unreinen Blutes, so ist auch sein ganzes Handeln schlecht und unrein. .... Was ist denn nun das grosse Glück? Für einen Mann eine große Aufgabe, für die es sich lohnt Alles, das Leben einzusetzen. Eine Aufgabe, die begeisternd erfüllt, als Ideal mitreißend im Volk, in der Nation ihre Erfüllung findet. Dazu eine liebe Frau, der beste Kamerad des Lebens. ... Wo die seelisch-geistigen Beziehungen, zwei Menschen zu einer untrennbaren Gemeinschaft zusammenschweißt. Dies ist das Glück. Meinst du nicht auch?“

Hier zeigt sich, wie stark NS-Gedankengut mit dem Erleben von Romantik und Liebe verknüpft sein konnte. Das Zentrum der Existenz sollte ein trautes Heim mit liebendem Ehepaar darstellen. Was die Partner denn in der Welt draußen taten, konnte den Prinzipien der Liebe vollkommen widersprechen - und doch blieb die heile Seele unantastbar. KZ-Kommandant Rudolf Höß liefert in seinen Erinnerungen ein plastisches Bild dieser schizophrenen Gefühlslage.

 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS