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heeresgruppemitte.jpg

Jahr: 1944
Bemerkung:
ArtikelNr. 04244
Besucher 4.634

 

E-Mail

 
Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte, Juli 1944. Spektakuläre Photos. 12. Panzer-Division

Feldpostbrief im Umschlag mit 3 beiliegenden s-w-Abzügen à 7x10cm. Umschlag mit 14 innenliegenden s-w-Abzügen à ca. 7x10cm. Die Abzüge verso teils fingerfleckig, sonst guter Zustand.

Die Stücke fanden sich in einem grossen Feldpostnachlass, der Briefe enthielt, die eine hübsche junge Frau (und partiell deren später gefallener Verlobter) von verschiedenen deutschen Soldaten 1939-1945 zugeschickt bekam.

Urheber der Bilder ist ein gewisser H.W. (geb. am 18.9.1918), der laut Auskunft des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge im Jnauar 1945 bei Graudenz als vermisst gemeldet wurde. W. gehörte der 3. Batterie des Panzer-Artillerie-Regiments 2 an, die im Verband der 12. Panzerdivion kämpfte.

Über W. sind, außer der Tatsache, daß seine Eltern irgendwo in Deutschland ein Photo-Radiogeschäft betrieben, keine biographischen Details bekannt. Er scheint im Sinn gehabt zu haben, später ein Buch zu veröffentlichen, das in Text und Bild von seinen Kiegserlebnissen erzählen sollte. Ws. Photos wurden wohl niemals veröffentlicht, sein (wahrscheinlich im elterlichen Hause lagerndes) Bildarchiv dürfte im Bombenkrieg vernichtet worden sein. Das junge Paar, dem er die Bilder zusandte, kannte der jungen Mann nur von einem einzigen Treffen im Mai 1944.

Ws. Photos sind einzigartig. Vergleichbare Ansichten vom Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte 1944 sind mir nicht bekannt – trotz der großen Menge des bislang eingesehenen Bildmaterials zum Kriege. Kein Piekalkiewicz, keine Divisionsgeschichte, keine Dörfler-Publikation, kein japanisches Modellbauheft bringt Ähnliches – auch in privaten Photoalben habe ich bislang nicht dergleichen gefunden.
Ungeschminkt sehen wir die Wehrmacht im Chaos des Zusammenbruchs, mit Infanteristen beladende LKWs und Panzer, zahllose ratlose Soldaten am Strassenrand, Streit unter Kameraden. Wir sehen, was kein PK-Photograph aufzunehmen wagte. Wir sehen den Krieg, wie noch niemals zuvor.

- S-w-Abzug auf Agfa-Ansichtskartenpapier, 9x13cm, verso von Hand beschriftet. Gezeigt ist W.. mit einem Pferde, verso heisst es: „Meinen lieben Münchnern ‚Gudrun und Harald’ als Gruß aus dem vergangenen Urlaub im Mai, Ihr recht oft an Sie denkender Heinz H.R. W..“.

- Feldpostbrief, datiert 6.8.1944 (2 Blatt mit 2 ¼ beschriebene Seiten, 4°, im Umschlag, gelaufen am 14.8.1944, lokalisiert „Großer Weichselbogen“, gefaltet, gut erhalten). W. ist Unteroffizier, als er den Brief schreibt. Im Text heisst es: „... Durch diesen ungeheuerlichen Raumverlust war es ja eine Tatsache daß auch Post verloren gegangen ist. Was alles zu überstehen war in dieser relativ kurzen Zeit von zwei Monaten läßt sich sehr schwer in Worten ausdrücken. Aber ich will heute nicht von dem Traurigen sprechen, daß uns Soldaten der Mitte wegen feigem Verrat höchster Generalität überkam. Man lebt noch und man kämpft vor allem noch. Was wir noch vor kurzen zwei Wochen verloren glaubten, unsere Heimat wissen wir gerettet. Dieser Heroismus, der heute in der Abwehr von unseren Soldaten geleistet wird, ist ganz einmalig. Es kann dem Gegner einfach nicht gelingen und es wird ihm nicht gelingen, wenn unsere Führung bleibt. .... Nun hoffe ich auch bald, vielleicht in 10-14 Tagen Ihnen etwas von meinen gesammelten Arbeiten während der Zeit da ich an der Ostfront bin senden zu können. Es war ein kurzer Abend damals in München welcher uns kennen lernen ließ aber oft ist es doch so, daß gerade eine Kameradschaft u. Sympatie aus der Secunde heraus entsteht u. sich dann besser erhält als viele andere Versprechen vom Kamerad. Dadurch, daß wir ein Photo-Radio Geschäft haben, ist es mir möglich gewesen vieles in Bildern festzuhalten was angenehm meine Literatur unterstützen wird. Eine kleine Kostprobe will ich heute mitsenden. Es ist ein verlorengegangener Panzer-Befehlswagen, Pioniere bei der Vernichtung eines rückwärts festgefahrenen T34 u. ein Dorf am Moor [unten angemerkt „Dorf V.B. bei Jasimorka“]. Eine Arbeit vom 1.IIX.44 [sic] neben einem gefallenen Kameraden geschrieben will ich heute auch noch mitgeben. EINEM TOTEN! Er hat gelebt, geliebt und genossen, hat voll ... [Anmut? Armut?] die Jugend verdrossen, u. war ein Adept der Bäume. ..... Du warst Soldat, wie ich Kamerad, der Kampf war heiße Not, Verwundung brachte dir dein Grab, hier liegst du u. bist tot. .....“.

Beiliegend 3 s-w-Abzüge, verso mit handschr. Nummer beschriftet. Gezeigt sind der festgefahrene Befehlspanzer IV mit arbeitenden Soldaten, sowie das namenlose Dorf. Dann ein aussergewöhnliches Bild, das unter Lebensgefahr aufgenommen wurde: Wir sehen einen Panzer IV (hier mit sichtbarer Turmkennung 311). Vorne läuft geduckt ein deutscher Soldat, in der linken Hand trägt er wohl eine Haftmine. Links Pulverdampf, wohl durch einen Einschlag hervorgerufen. Der T34 ist nicht im Bild.

- Umschlag mit 14 s-w-Abzügen. Auf dem Umschlag steht: „Einige Bilder vom Rückzug! Wenn Sie Interesse haben, dürfen Sie behalten jedoch, so ich Nachricht erhalte, daß auch mein Filmarchiv nicht gerettet wurde werde ich zurückbitten. Ihr H.“. Wie der Umschlag den Empfängen zugestellt wurde, ob er dem Brief vom 6.8.1944 beilag, ist unklar.
Die spektakulären Photos wurden wohl an einem Tage aufgenommen. Hinten sind die Abzüge mit Bleistift nummeriert, so können sie 3 verschiedenen Filmen zugeordnet werden:
Film 16 (Bild 8, 9, 19, 22): Die Bilder wurden von einem Befehlspanzer oder Spähwagen aus aufgenommen, man sieht einmal eine Antenne. Gezeigt sind mit Soldaten beladene deutsche LKWs, Panzer, PKWs und viele Infanteristen – auf und neben einer Rückzugsstrasse.
Film 18 (Bilder 20, 23, 24, 30, 31, 33, 34, 35, 36): Gezeigt Panzer auf Rollbahn, zerschossenes Dorf im Pulverdampf, Rückzugsstrasse mit Infanteristen und Fahrzeugen. Ein Bild zeigt einen Panzer, der mit mehr als 20 Infanteristen beladen ist. Ein Soldat trägt weder Schuhe noch Strümpfe.
Film 19 (Bild 10): Verso handschr. betitelt „S.P.W. im Rückzug!“. Gezeigt sind deutsche Soldaten mit zersausten Uniformen in einem SD-KFZ 250.




Gerd Niepold, ehedem Generalleutnant und 1. Generalstabsoffizier der 12. Panzerdivision, veröffentlichte gesamt 3 Titel, die die Ereignisse des Sommers 1944 schildern: „Von Minsk bis Lyck, die 12. PzDiv in den Rückzugsgefechten im Sommer 1944“ (Selbstverlag 1979), „Mittlere Ostfront Juni 44“ (Mittler 1985) und „Die Geschichte der 12. Panzer-Division - 2. Infanterie-Division (mot.) 1921–1945“ (Selbstverlag 1988).
Niepolds Ausführungen lässt sich entnehmen, daß der Rückzug der Panzerdivision gesamt ca. 5 ½ Wochen dauerte und dabei eine Strecke von 500km zurückgelegt wurde.
In „Minsk bis Lyck“ zitiert er aus dem Tagebuch des Gefreiten Wegwerth, damals Funker im Bataillonsstab des II. Btl., Pz.Gren.Div. 5. Eindrucksvoll ist hier die Lage vom 3.7.1944 bei Stolpce dargestellt: „Gegen Morgen lebt die Gefechtstätigkeit wieder auf. Russische ‚Schlächter’ haben unsere Fahrzeuge ausfindig gemacht und beschießen uns nach Strich und Faden. .... Wir sollen fest eingeschlossen sein. Nur nach Nordwesten soll unser Kessel noch einen schmalen Zugang haben. In diese Richtung fahren auch immer noch ununterbrochen die Fahrzeuge auf der Straße. Sie bieten ein Bild des Elends. Viel schlechter kann es bei Napoleon auch nicht ausgesehen haben. Fahrzeuge von etwa einem Dutzend Divisionen sind zu einem wüsten Haufen zusammengeschmolzen. Selten sind mehrere Fahrzeuge einer Einheit oder einer Gattung zusammen. Es ist alles vertreten, von Flüchtlings- und Panjewagen deutscher Infanterie bis zum schweren Panzer und Brückengerät. Auf Wehrmachtswagen hocken russische Flüchtlinge, auf Flüchtlingswagen liegen verwundete deutsche Landser. Dazu viele, viele Fußgänger. Viele ohne Schuhe.“ (S. 49).
Zum 1.7.1944 zitiert er aus dem Gefechtsbericht des 1. Btls. Pz.Gren.Rgt. 25: „Während bis jetzt immer nur einzelne Trupps von Versprengten auf dem Marsch nach Westen im Geländen gesichtet wurden, wird dem Kommandeur jetzt gemeldet, daß bei der Straßengabel Malinowka ein unübersehbar langer Track von Bobruisk-Kämpfern die freigekämpfte Rückmarschstraße., von Süden kommend, erreicht hat. Ein Offizier wird an die Straßengabel befohlen, der die Versprengten über die Lage unterrichten soll. Wie er dorthin kommt, bietet sich ihm ein ergreifendes aber auch stolzes Bild: Im Staub und Flimmer der glutenden Mittagshitze strömen die Männer von Bobruisk in nicht enden wollender Folge vorbei. In ihre Gesichter sind die Entbehrungen und Strapazen der letzten Wochen fest eingekerbt. ..... Viele haben ihre Stiefel beim Durchschwimmen von Flußläufen zurücklassen müssen und laufen jetzt mit Lappen und Stroh um die Füße Kilometer um Kilometer den steinigen und staubigen Weg entlang. ....’ Soweit der Bericht auch ich erinnere mich genau der niederdrückenden Szene, als die Gefreiten sich am Divisionsgefechtsstand vorbei nach rückwärts bewegten. Wir sahen erstmals geschlagene, demoralisierte deutsche Truppen, ohne jeden Zusammenhalt, zerlumpt, viele an Stöcken gehend, viele ohne Waffen. Dabei lag der Beginn der Schlacht gerade 8 Tage zurück!“ (S. 31-33).


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