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Jahr: 1935-1936
Bemerkung:
ArtikelNr. 03905
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E-Mail

 
Briefkonvolut, Dienstplan und Fotos des Rudolf A., 1935-1936. Arbeitsdienst (RAD) in Marktoberdorf

Das Konvolut wurde 2009 bei einem Trödler in München erworben. Gesamt 14 Schreiben (4 Postkarten, 1 Ansichtskarte, 9 Briefe) eines Arbeitsmannes nach Hause, dazu ein maschinenschriftlicher Dienstplan und 3 Photos. Die Briefe sind zumeist mit den Briefumschlägen erhalten, diese gelaufen und gestempelt. Die Stücke berieben, im Ganzen gut erhalten. Es ist höchstwahrscheinlich, daß nicht jedes Schreiben des Soldaten an den elterlichen Haushalt erhalten, ergo die Überlieferung lückenhaft ist.
Rudolf diente 6 Monate beim RAD (Abtl. 4/305, Marktoberdorf), von Oktober 1935 bis März 1936. ER schreibt teils an die ganze Familie (Eltern und Geschwister), teils nur an die Mutter, vereinzelt an die Schwester.

Die Familie A. betrieb in München seit 1914 ein Mützengeschäft und eine Kappenproduktion. Man handelte mit Mützen, Hüten und wohl auch Abzeichen – was bei der Orden- und Uniformbesessenheit des Dritten Reiches wohl saftigen Umsatz garantierte. Aus den Briefen geht z.B. hervor, daß der Arbeitsdienst (RAD) von A. mit Mützen beliefert wurde. Rudl selbst hatte vor dem Oktober 1935, als sein Arbeitsdienst begann, im Betrieb der Familie mitgearbeitet. Das Ladenlokal befand sich wohl bis November 1935 in der Theresienstrasse 16, ab Januar 1936 in der Dachauerstraße 151.

Bemerkenswert:
Dienstplan vom 9.10.1935 vom Arbeitsdienstlager 4/305.

1935. 11 Schreiben von Markt Oberdorf nach München. Oktober bis Dezember.
4 Postkarten, eine Ansichtskarte, 6 Briefe.
A. dient als Arbeitsmann in RAD-Lager Marktoberdorf.
2.10.1935, Postkarte: „Bin glücklich hier angekommen…“
9.10.1935, Brief: „… Brot kann man soviel haben, als man will. Wir haben auch, außer Exerzieren, … Geographie und Staatspolitischen Unterricht. Das sind aber meistens Lachstunden. Im ganzen Lager sind 120 Mann, davon sind ungefähr 100 Mann landwirtschaftliche Arbeiter, d.h. Bauernsöhne, die keine Ordnung kennen. … Auf jeden Fall aber geht’s mir ganz ausgezeichnet. Nur die kurzen Haare machen mir und uns allen immer Gedanken. Bin übrigens vom Sonntag auf Montag auf Wache gewesen mit Spaten.“ [Beiliegend ein maschinenschriftlicher „Dienstplan, für Freitag den 4. Oktober 1935, der Abteilung 4/305 M-Oberdorf“. Minutiös wird der Tagesablauf geschildert, von 5.45 („Wecken“) bis 22.00 („Zapfenstreich“), die Tageslosung lautete „Staatssekretär Hierl“; signiert ist das Blatt von Oberfeldmeister Kees.]
19.10.1935: „… Seit Dienstag arbeiten wir. Die Arbeitsstelle ist eine Stunde vom Lager entfernt. 7 Stunden müssen wir arbeiten, davon gehen dann noch 2 Stunden Marsch und ½ Stunde Brotzeit ab. Also überarbeiten tun wir uns nicht. Allerdings kommts mir halt etwas ‚spanisch’ vor mit Schaufel und Pickel zu schaffen. … Schön langsam kommen jetzt auch die verschiedenen Appelle: z.B. Schrankappell, Stiefel Ap., Einheitstracht Ap., usw. Da muß natürlich alles tipp topp sein, sonst gibt’s Strafen. … Wir bekommen alle 2 Tage 3 … [unles.] Brot, zur Brotzeit gibt ½ … [unles.] Streichkäse (Camenbert) und ½ ltr. Milch, oder Pfefferminztee, Mittag gibt’s dann Fleischsuppe mit Fadennudel, ca. 200 gr. Rindfleisch (soviel bekomm ich daheim nicht!!! gell Mutter) Blaukraut und Kartoffel soviel man will! Freitag gibt’s Mehlspeisen (Scheiterhaufen und Apfelmus), oder Fisch Filet gebacken mit Semmelbrößl! …“
27.10.1935: „… Heute morgen haben wir Geländesport gehabt. Da lernen wir Entfernung schätzen, Gelände Prüfung usw. Wahrscheinlich für die RW [Reichswehr]!! Gesagt wird uns das natürlich nicht! …“
10.11.1935: „… Heute gehen wir schön brav spazieren. Wir werden in diesem ‚Kaff’ richtige Staatsbürger des 3. Reiches. …“
10.11.1935, Ansichtskarte vom Kriegerdenmal Marktoberdorf: „Leider musste ich am 9.XI.35 in M-Oberdorf Ehrenwache [am Kriegerdenkmal] stehen…“.
1.12.1935: „… Wir bauen jetzt schon an der Wertach, da wird ein neues Flussbett gebaut. …“

1936. 3 Briefe von Marktoberdorf nach München, Januar.
11.1.1936: „… Mit den Abzeichen ists so eine Sache. Die werden fast alle vom Gau geliefert! Dann dürfen sie auch erst nach der Übernahme der einzelnen Führer getragen werden. Heute hatten wir wieder so eine Gelände Übung. Mussten bei dem Dreckswetter 1 Stunde robben u. kriechen. Ganz versaut voll Dreck kamen wir durnässt [sic] ins Lager. Schnee hats auch keinen mehr. Müssen jetzt immer viel Exerzieren u. dabei viel Laufen. Um 9 ist am Sonntag Zapfenstreich!!! Morgen muß ich fast den ganzen Tag waschen und flicken!!! Aber durch diese Schule geht einmal die ganze Jugend der Nation!! Wird uns immer gepredigt! Beim Arbeiten ists halt immer noch dasselbe, viel Schaufeln!! Immer nasse Stiefel u. Füße und dabei immer Mordshunger! Aber in 2 Monaten!! … Könnte mich auch nach Bad Reichenhall melden, 100. Jäg. …“
18.1.1936: „… Gestohlen wird auch dass nur so schaukelt! Mir haben sie 2 Mk + die Geldbörse geklaut! Fast jeden Tag prügeln wir einen in unserem Schlafsaal durch. Aber alles hilft nichts. Dafür bekommen wir dann fortlaufend Ausgangssperre! … Vorträge, Wiederholungen, Exerzieren bei strömendem Regen bei strenger Kälte, bei Nacht und Nebel – Robben – Auf marsch marsch – immer das Gleiche! Lieber hätte ich 2 Jahre beim Barraß gemacht als ½ Jahr im Arbeitsdienst! …“
26.1.1936: „ ... Bei den Kemptner Jägern hab ich mich auf 1 Jahr verpflichtet, und zwar zum 1.Okt. 36, da ich sonst erst 1937 drankommen würde...“

 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS