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Jahr: 1919
Bemerkung:
ArtikelNr. 03816
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Fotoalbum 1919. Liebe und Bürgerkrieg. Witzighausen, 2. bay. FAR

Fotoalbum aus dem Nachlass einer ehemaligen Sekretärin der Bayerischen Einwohnerwehr. Quer kl. 8°, Ledereinband (möglicherweise Kunstleder?), ca. 56 s-w-Fotos (oft 6x9cm, teils größer) montiert auf kartonstarken Seiten, 3 lose s-w-Abzüge als Postkarten. Das Album wurde wohl um 1970 angelegt, die Seiten sind teils von der Hand einer alten Frau beschriftet, die Bilder scheinen anderen Alben entnommen. Guter Zustand. Dazu etliche Mappen mit maschinenschriftlichen Lebenserinnerungen. Das Konvolut entstammt dem Nachlass der Josefine R., die um 1997 verstorben ist.

Die Fotos erzählen primär von der Zeit, die Josefine mit Offizieren des sich in Auflösung befindlichen 2. bayerischen Fußartillerieregiments in und bei Witzighausen in der ersten Hälfte des Jahres 1919 verbrachte. Eine amouröse Dreiecksgeschichte ist hier eindrucksvoll photographisch dokumentiert: Die Offiziere Dobmeier und Reck rangeln um die ledige Josefine. Reck gewinnt – um zuletzt kläglich zu scheitern.

- Bild 1-6: Serie Menschen am Fenster, teils in Uniform, teils in Zivil („Demobilmachung Jan/Febr. 1919, Dobby, Ich in Uniform, Hans und Julie] Schwester und Schwager], Adalbert [unbekannter Offizier], Trummer, Reck in Tracht“).
- 7-21: schwummrige Fotos von Feier und Tanz in Witzighausen (keine Titel, das Dreiecksverhältnis Josefine-Dobmeier-Reck ist den Bildern deutlich anzusehen).
- 22: Reck und Dobby mit Pferd.
23-26: Dobmeier und Trummer im Gras und auf Pferd.
27-34: Dobmeier und andere, 2x mir Pferdekutsche im Schnee, 1x mit Grammophon.
35: Gruppenbild („Trummer, Reck, Dobmeier gest. 1927“).
36: Reck als Soldat im Krieg bei der Auswertung von Luftbildern.
37-40: Witzighausen.
41-43: Kirche ebda.
44: Soldaten wohl im Kriege, mittig Dobmeier (Postkarte).
45: Soldat mit Pferd.
46: dito, im Hintergrund wohl Witzighausen.
47: Soldat mit Pferd.
48-50: Reck und Josefine beim Skifahren.
51-58: Portraits Josefine (3x 1925, 1913, 1918, 2x1926, 1923).
59: Portrait Josefine mit Kind.
- lose beiliegend 3 originale s-w-Abzüge als Postkarten, Gedenktag der schweren Artillerie, 3.-5.12.1921 in München, Photograph Spiessl. Josefine spielte „die Trauer“ anlässlich eines Festspieles vor dem Armeemuseum.
- lose beiliegend eine gedruckte 4seitige Einladung zur der „Absolventen-Vereinigung Danubia“ zur „Familien-Feier“ am 2.3.1919. Seite 2 enthält die „Votrags-Ordnung“, Seite 3 die „Tanz-Ordnung“. Handschriftlich sind auf S. 3 die männlichen Tänzer der gesamt 14 einzelnen Tänze vermerkt; Dobmeier, Trummer und Reck sind je 2x aufgeführt.



In ihren Lebenserinnerungen schreibt Josefine über die im Album dokumentierte Zeit:

„Bei der Demobilmachung im Winter 1918/19 lernte ich dann im Hause meiner Schwester meinen späteren Mann kennen. Max Reck war aktiver Oberleutnant im zweiten Fußartillerie-Regiment ... und beim Pfarrer in Witzighausen einquartiert. ... Da er ziemlich musikalisch war, führte er sich im Schulhaus ein, um bei meinem Schwager Klavierspielen zu können. Mit ihm kamen die beiden Reserveleutnants Trummer und Dobmeier. Es wurden dann oft gesellige Abende veranstaltet, auch getanzt [Fotos 1-20]. ... Reck war furchtbar korrekt, gnädiges Fräulein hin und her, und dritte Person. Ich war anfangs geschmeichelt davon, aber später fand ich es einfach abgeschmackt ... Die beiden Leutnants äfften ihn heimlich nach. Sie verabschiedeten sich ordnungsgemäß mit ihm und brachten ihn bis zum Pfarrhof, dann kamen sie wieder und dann wurde es erst ein gemütlicher Abend. Max Reck hatte Feuer gefangen. Ich merkte es wohl, nahm aber keine Notiz davon, im Gegenteil, ich flirtete mehr mit Dobmeier. ... Bei einer Schneeballschlacht im Garten umfing mich Dobmeier plötzlich und küsste mich. Erst wollte ich ihm schon eine Ohrfeige geben, aber dann unterließ ich es, denn irgendwie war ich in ihn verliebt. .....
Inzwischen war in Ulm das Freikorps Epp gebildet worden zur Bekämpfung des roten Terrors in München. Die drei hatten sich dazu gemeldet. So hatte ich ab und zu Gelegenheit, mich mit Dobmeier zu treffen. .... Wenn Reck Zeit hatte, lauerte er mir auf oder wollte mich treffen. So pendelte ich zwischen den beiden hin und her; es war von mir nicht gerade schön, aber was wollte ich machen? Ich besprach mich mit Dobmeier, denn so konnte es nicht weitergehen. Er hatte vor, in München sein Studium als Chemiker aufzunehmen, aber er wollte mich nicht an sich binden, denn es würde noch Jahre dauern, bis eine Heirat möglich wäre. Ich war sehr traurig, als er meinte, ich solle doch den Reck heiraten, denn er war ja Berufsoffizier und würde bei dem 200.000-Mann-Herr wohl mitübernommen werden. Es war ein tränenreicher Abschied an einem Frühlingsabend. ....
Nach dem Einmarsch der weißen Garde in München war Reck zur dortigen Kriegsschule versetzt worden. Ich besuchte ihn dann einmal übers Wochenende und wohnte bei entfernten Verwandten. Da sprachen wir uns dann aus und ich willigte in eine Verlobung [ein].“

Die Erinnerungen der Josefine sind von erheblichem Quellenwert, denn hier schildert eine in der Liebe unglückliche aber im Berufsleben erfolgreiche Frau ihr Schicksal – primär in den Jahren 1900 bis 1930. Es zeigt sich, daß der Zwiespalt Familie-Beruf, der heutzutage so viele Frauen plagt, auch in vergangenen Dekaden virulent war.
Die Ehe mit Reck wurde 1925 kinderlos geschieden, 1927 wurde J. dann nach kurzer erotischer Eskapade von einem jüngeren Mann schwanger. Den Sohn, der denn zur Welt kam, erzog sie teils alleine, teils gab sie ihn in Kinderheime.
Berufstätig war J. knapp 50 Jahre lang (von 1915 bis Ende 1964) - fast ohne Unterbrechung. Von Februar 1915 bis 1920 arbeitete beim Rentamt (heute Finanzamt) in Neu-Ulm, anschliessend als Sekretärin bei der Landesleitung der Bayerischen Einwohnerwehr. Das Arbeitsverhältnis endete im Juli 1921 mit der Auflösung der Einwohnerwehr, Dokumente aus jener Zeit haben sich leider nicht erhalten. Hernach war die Frau als Sekretärin bei verschiedenen Industriellen tätig, bis sie 1928 wieder als Sekretärin beim Kaufhaus Roman Mayr in München eintrat und dort bis zur Pensionierung verblieb.
Die Erinnerungen bestehen aus mehreren Texten: Einmal wird das Leben von 1897 bis ca. 1927 geschildert (ca. 80 Seiten), dann das Berufsleben („Ein Leben mit Stenoblock und Schreibmaschine“, Fassung 1 mit 50 Seiten, Fassung 2 mit ca. 60 Seiten), dann tabellarisch das Leben („Mein Lebenslauf“, 8 Seiten). Letztlich existiert eine ca. 50 Seiten umfassende Mappe, die diverse Texte zu diversen Themen enthält.

 


(c) Ingo Hugger  2009 | livre@cassiodor.com | Artikel |  RSS