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Jahr: 1987
Bemerkung:
ArtikelNr. 03714
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Privatdruck, Erinnerungen 3. technisches Bataillon, Wehrmacht 1939-1945

Braun: Die technischen Bataillone des Zweiten Weltkrieges. Selbstverlag, Starnberg 1987. 4°, 179 einseitig bedruckte Blatt, Kartoneinband – etwas berieben, sonst guter Zustand. Das Werk wurde vom Autor selber weitergegeben und niemals in einem Verlag veröffentlicht.
Braun, dessen Vorname nicht erwähnt und dessen Nachname nur handschriftlich auf der Titelei vermerkt ist, diente von 1939 bis Sommer 1944 im 3. motorisierten (mot.) technischen Bataillon der Wehrmacht. Er war Offizier, bei Kriegsende mindestens im Range eines Hauptmannes. Sein Aufgabengebiet bestand im Großen darin, gegnerische technische Großanlagen wie Kraftwerke oder Fabriken, die zerstört oder funktionsunfähig waren, wieder in Gang zu bringen. Ab Sommer 1944 war er in Pirna beim „Lehrstab für technische Truppen“ eingesetzt und bereiste dabei mitunter das Reichsgebiet, um durch Bomben zerstörte Produktionsanlagen irgendmöglich zu reparieren. Sein letzter Auftrag bestand darin, im Frühjahr 1945 die Reichsbahndirektion Berlin zu unterstützen. Nach der Niederlage geriet Braun in russische Gefangenschaft.

Brauns Kriegserinnerungen sind faszinierend, da hier viele Details beschrieben sind, über die nur wenig bekannt ist. Während der Vormärsche in Polen, Frankreich und Rußland war er mit erheblichen Dienstkompetenzen ausgestattet, seine Aufträge waren für die deutsche Führung von höchster Wichtigkeit. Zumeist befand sich Braun unmittelbar hinter der Spitze eines deutschen Stoßkeiles (was zu zahlreichen „brenzligen“ Situationen führte), denn seine Ziele, eben sensible Anlagen, sollten schnellstmöglich wieder einsatzbereit sein. Da Einsätze solcher Art geheim waren und auch nach dem Kriege blieben, sind Brauns Erinnerungen hier von erheblichem Wert für die Forschung. Die Seiten 10-126 der Quelle behandeln Ereignisse, die sich während der deutschen Vormärsche von August 1939 bis Winter 1941 abspielten.

Einzelheiten zu seiner Einheit erzählt Braun kaum, lediglich auf Seite 12 finden sich Informationen: „Jede Kompanie eines Technisches Bataillons hatte zwei Erkundungstrupps. Sie waren besetzt mit einem Offizier (Leutnant bis Hauptmann), der Fachmann sein mußte, einem Fach-Unteroffizier und einem Gefreiten als Fahrer. Dazu kam ein gutes Fahrzeug, KFZ 15, notfalls 6-Zylinder Opel oder Mercedes 230; als besondere Austattung kamen hinzu: Schlauchboot, Steigeisen, Flaschenzug, Signalpistole, Maschinenpistole und ein Kocher, betrieben mit Katalytbenzin, da ein Erkundungstrupp nur selten von einer Feldküche versorgt werden konnte. Mein Kommandeur (Kradschützenmajor) organisierte 1941 die zu den Kompanien gehörenden Erkunderstaffeln um. So hatte ich als Erkunderstaffelführer zwei Feldpostnummern, die der Kompanie und die des Stabes... Während der Einsatz der Technischen Bataillone im Polenfeldzug noch mit der blauen TN-Uniform [Technische Nothilfe] mit gelber Wehrmachtsarmbinde erfolgte, war ab Frühjahr 1940 nur noch die feldgraue Uniform zulässig. Die Offiziersstellen des Bataillons waren zumeist mit Sonderführern besetzt, die schwarz-weiß-rot durchwirkte Achselstücke trugen. Nach einer eingehenden Ausbildung von Herbst 1940 bis Sommer 1941 waren fünf Sonderführer zu Offizieren befördert worden und unterschieden sich nicht mehr von den anderen Heeresoffizieren. In der Höhe des Wehrsoldes waren sie dadurch zum Teil degradiert. So bekam ich anstatt des bisher bezogenen Hauptmannswehrsoldes bis zur nächsten Beförderung den eines Leutnants“.

Einige Zitate sollen die Faszination, die von dem Text ausgeht, belegen.

So erfährt der Leser, wie nach der Besetzung von Paris im Juni des Jahres 1940 die Stromversorgung von Braun quasi im Alleingang sichergestellt wurde: „So galt in Paris die zentrale Lastverteileranlage der Stromversorgung als geheim. ... Ich hatte es daher schwer, diese Lastverteileranlage zu finden. Ihre Anschrift war in keinem Telefon- und Dienststellenverzeichnis zu entdecken, ja nicht einmal die kleine Straße am Etoile, in der sie untergebracht war, durfte auf den Stadtplänen eingetragen sein. Kein noch so kleines blechernes Hinweisschild war an dem Haus angebracht. Ich machte daher eine Hausdurchsuchung und hatte mit meinem Beginn im zweiten Stock eines 5-Etagen-Hauses vollen Erfolg. Ich betätigte einen Klingelknopf an einer großen unbenannten Tür. Es öffnete ein livrierter Portier. Meine umgeschnallte Pistole und mein Stahlhelm taten ihre Wirkung, er ließ mich ein und brachte mich in ein komfortabel eingerichtetes Wartezimmer. Nichts wies auf den Raum einer Energieversorgungsanlage hin. ... Entsprechend war auch die mir aufgezwungene Wartezeit. Ich wollte sie gerade selbst beenden, als mich der Portier in das Zimmer des Chefs der Etage brachte. Dort fing nun eine Konversation an, die bei mir insoferne Bedenken auslöste, als hier nichts von Energieversorgung zu sehen war, keine reißerischen Erfolgsdiagramme, keine Großbilder modernen Energieversorgungsanlagen, ja nicht einmal ein aus einem Kabelstück gefertigter Briefbeschwerer. Ich legte dar, was ich suchte, wobei mein Gegenüber den Kopf schüttelte und mit den Achsen zuckte und so tat, als wüsste er nicht, daß so etwas überhaupt exisitiere. Als ich ihm dann auseinandersetzte, daß eine solche Zentrale existieren müsse, schon aufgrund von Störungen, die z.B. durch Gewitter entstehen können, da fiel es mir schwer, das Wort Blitz ins Französische zu übersetzen. Ich wählte Umschreibungen, bei denen er mir schließlich half durch Einstreuen der Worte ‘Les evenements de ciel’... Damit hatte er sich verraten und er gab auf. Er zeigte mir dann die in der gleichen Etage etablierte großartige Lastverteilungsanlage der Firma EdF, Energie de France. ... Meine Aufgabe war hier gelöst“ (S. 52).

Im April 1945 diente Braun in Berlin beim „Verbindungsstab OKW - Reichsbahndirektion Berlin“. Er erzählt (S. 163/164): „Nachdem im April 1945 der Eisenbahngüter- und Fernverkehr eingestellt worden war, ließ ich zur psychologischen Beeinflussung der Berliner das Geräusch der S-Bahn bestehen, indem ich S-Bahn-Züge weiterhin fahren ließ, ohne Fahrkartenverkäufer und -kontrolleure, ohne Fahrdienstleiter mit den roten Mützen und ohne Zugreinigungspersonal. Ich selbst fuhr zeitweise einen Zug und hatte von den Techn. Batl. Leute angefordert, die das gleiche tun konnten.“

In einem Anhang gibt Braun einige grundlegende Beobachtungen zum Kriege wider.
So schreibt er über Sabotage, die deutsches Kriegsmaterial unbrauchbar gemacht hatte (S.168): „Besonders in Erinnerung blieben mir drei Vorfälle dieser Art. Der erste war in den Flakleitgeräten zu finden, die einfach nichts taugten d.h. nicht richtig justiert waren und schon im Frühjahr 1942 die Flugabwehr lahmlegten. Der zweite bestand darin, daß nachgeschobene Artilleriemunition in Kartusche und Granate vertauschte Pulversorten hatten, so daß beim Abschuß bereits die Kanonenrohre barsten. ... Und der dritte Vorfall waren mehrere 100 Panzer in Danzig, die durch falschen Kraftstoff einsatzunfähig waren.“
Zur französischen Armee heisst es (S.170): „Ich sah zahlreiche französische Panzerkampfwagen, die mit der deutschen Panzerbüchse ... erledigt werden konnten. Auf dem Panzerübungsplatz Mourmelon-le-Grand standen fahrfertig, aber wohl nur aus Respekt als eine Art Denkmal gehalten, zahlreiche Parallelogramm-Panzer englischer Bauart [Mark IV]....“
Über die Russen erfahren wir (S.172): „In der Reichweite war uns die russische Artillerie weit überlegen und das war für uns bedrückend und unerklärlich. ... In der Ausrüstung des einzelnen Mannes fehlten Ledersachen. So waren die russischen Koppel aus Gewebe... Bei Angriffen der russischen Infanterie über schneebedeckte Wiesen fehlten oft die Schneehemden, so daß die erdbraunen Angriffswellen schon von weitem sich deutlich abhebend, bekämpft werden konnten“.

 


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