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Jahr: 1934-1945
Bemerkung:
ArtikelNr. 03283
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E-Mail

 
Briefnachlass einer Münchener Familie. Ca. 200 Briefe 1934-1945, primär 1941-1943. Nationalsozialismus, Krieg, Judenmord.

Das Konvolut fand sich im Nachlass des Münchner Pensionärs Klaus H. und besteht aus Briefen, die sich Mitglieder der Familie H. zumeist zwischen 1941 und 1944 schrieben:

1. Ca. 85 Feldpost-Briefe des Klaus H. von der Ostfront an seine Frau Friedl H. in München, 1941-1944.
2. Ca. 25 Briefe der Friedl an Klaus, 1941-1942.
3. 8 Briefe von Freunden an Klaus oder Friedl, 1942 und 1943.
4. Ca. 16 Briefe der Eltern an Klaus, dat. 1941-1942.
5. Ca. 20 Briefe der Eltern des Klaus an Friedl, 1944-1945.
6. Ca. 40 Jugendbriefe von Klaus an Friedl, primär 1934.

Die Briefe erzählen eindrucksvoll von einer Erfahrung, die zwischen 1933 und 1950 Millionen Deutscher machen: Auf anfängliche Begeisterung für die wohl nur partiell verstandenen Ideale und Ideen des Nationalsozialismus folgt Ernüchterung und Desillusionierung, hervorgerufen besonders durch Kenntnis von Kriegsverbrechen und Judenmord – oder gar die Verstrickung in solche Vorkommnisse.

Im vorliegenden Fall liegt der Schluß nahe, daß Klaus H. 1941 und 1942 im deutschen Hinterland Dinge gesehen und wohl auch getan hat, die ihn vollkommen verstören. Wahrscheinlich ist er an Massenhinrichtungen von Zivilisten nach Partisanenangriffen oder an Massenhinrichtungen von Juden beteiligt, ob aktiv oder passiv. Als er sich im Frühjahr 1942 in ein für seinen Stab arbeitendes jüdisches Mädchen verliebt, scheint ihm das verbrecherische Vorgehen der Deutschen erst vollends klar zu werden. Hier erzählen die Briefe in Schlaglichtern eine Geschichte, die sich wohl oftmals abspielte – und dennoch von der herkömmlichen Kriegsgeschichtsschreibung oder von Memoirenwerken verschwiegen wurde und wird. Nämlich davon, daß deutsche Einheiten sich jüdische Arbeitskräfte hielten, mit Jüdinnen auch intim wurden – um dies „Personal“ dann irgendwann verschwinden zu lassen.

Die Zeugnisse belegen ausserdem, was erst seit der Reemtsmaschen Wehrmachtsausstellung richtig in das Bewußtsein der Deutschen Eingang gefunden hat: Die Tatsache, daß die Wehrmacht besonders 1941 und 1942 in die von den Nazis in Rußland begangenen Verbrechen stark involviert war. Dazu erhält man bei der Lektüre eine Ahnung dessen, welche Auswirkungen solche Untaten auf die beteiligten Täter haben konnten. Letzendlich belegen die Briefe, daß wohl die überwiegende Mehrheit der im Osten eingesetzten Soldaten sowohl Kenntnis des rücksichtslosen deutschen Vorgehens gegen die Zivilbevölkerung als auch der „Endlösung der Judenfrage“ hatte und dieses Wissen den Angehörigen daheim auch mitteilte – und daß es zahlreiche Deutsche gab, die schon während des Krieges für die vom eigenen Volk begangenen Untaten tiefen Abscheu empfanden.

Das Konvolut enthält zwei ganz ausserordentliche Relikte, auf die hier gesondert hingewiesen werden soll (Teilbestand 3). Die Schreiber sind beide zum Zeitpunkt, als sie den Brief verfassten, nur knapp vom Tod entfernt. Der Eine hat gerade einen Selbstmordversuch verübt (München 1941). Der Andere, Soldat Willy von Wehrmacht oder SS, weiss, daß er bald sterben muss und schickt Klaus H. aus dem Lazarett einen letzten Gruß zu (Rußland 1942). Beide Stücke, besonders aber das von 1942, sind von solcher Kraft, daß es einem beim Lesen fast den Atem verschlägt und man die Tränen zurückhalten muß.



Die Briefe und ihre Verfasser
Klaus H. (geboren wohl um 1910) ist Sohn eines Künstlerehepaares. Er wächst in München-Pasing auf, absolviert das Abitur und studiert in den 1930ern Geologie. Klaus ist seit 1924 in der Jugendbewegung tätig. Spätestens 1933 wird er Mitglied der HJ, ist neben seinem Studium viele Stunden wöchentlich dort engagiert und 1934 „Stammführer“. Er nimmt am Reichsparteitag teil, hält auf Schulungen Vorträge zu Themen wie der „Judenfrage“ und ist von einem unbestimten revolutionären Geist beseelt. Diese Haltung ist aus den erhaltenen Briefen von 1934 nur vage bestimmbar, scheint sich jedoch eher durch Abgrenzung zu älteren Generationen und deren Verhaltensmustern zu definieren als in explizit neuen und nationalsozialistischen Ideen. Gegen Juden hat Klaus nicht einzuwenden, wohl aber gegen den „jüdischen Geist“ - wobei es egal ist, in welchem Menschen dieser Geist steckt. Einmal verwendet er den Terminus für ein HJ-Mitglied, und zwar im Bezug auf dessen laxe Haltung den Frauen und der Treue in der Liebe gegenüber. Klaus H. erscheint in seinen frühen Briefen auf den ersten Blick als überzeugter Nationalsozialist. Bei näherer Betrachtung erschließt sich allerdings, daß seine Leidenschaft weniger der Politik, als vielmehr der Geologie und dem zwischenmenschlichen Kontakt mit seinen „Jungs“ vom HJ-Stamm und besonders seiner Freundin und späteren Gattin Friedl gilt.
Diese Friedl (geborene Schiffer, Jahrgang 1916) verliert früh die Eltern und wächst mit ihrem Bruder bei den Großeltern auf. Sie erlebt eine von Armut geprägte Kindheit und Jugend. Bereits mit 16 Jahren lernt sie ihren späteren Gatten Klaus kennen. 1934, mit 18 Jahren, beginnt sie eine Beziehung mit ihm, die bis zur Heirat um 1936 platonischer Art ist. Friedl engagiert sich beim BDM, ähnlich wie Klaus „dient“ sie in gehobener Position, als Führerin. Um 1935 oder 1936 arbeitet sie gar bei der NSDAP. Ihre politischen Vorstellungen scheinen ebenso diffus geartet wie die ihres Geliebten, jedoch ist ihr Bildungsgrad dem seinen deutlich unterlegen - 1934 fragt sie z.B., was „arisch“ eigentlich bedeute.
Um 1936 heiraten die beiden, das erste Kind kommt 1937, 1939 das zweite. Sie leben mit Klaus‘ Eltern in deren Haus in München-Pasing (heute Obermenzing) zusammen, denn Klaus verdient erst 1939 genügend eigenes Geld, um die Familie zu ernähren. Um diese Zeit scheint er sich vom Nationalsozialismus bereits abgegrenzt zu haben. Über Friedls politische Haltung zu jener Zeit ist nichts bekannt.



Klaus ist seit 1939 Soldat, dient vielleicht zeitweise in Afrika. 1941 meldet er sich freiwillig an die Ostfront. Er ist Unteroffizier und wird sonderbarerweise bis Mitte 1944 nicht befördert, ein Zeichen dafür, daß er entweder als politisch zweifelhaft gilt, oder sich Feinde in einflussreicher Position gemacht hat. Die Einheit, der er sicherlich bis 1942, wahrscheinlich aber bis 1944/1945 angehört, ist das Infanterieregiment 339 (später umbenannt zum „Grenadier Regiment 339“), das im Verbande der (1940 in Oberbayern aufgestellten) 167. Infanteriedivision steht und zumindest zeitweise von einem Joseph Pausinger geführt wird.

Klaus berichtet seiner Frau allerdings erst im Frühjahr 1943 von echten Kampfeinsätzen seines Regiments. Zuvor ist die Truppe im Hinterland der deutschen Front eingesetzt. Was die Einheit dort eigentlich tut, geht aus Klaus‘ Briefen nicht hervor. Er selber scheint als Schreiber oder Rechnungsprüfer gearbeitet zu haben, berichtet regelmässig von Monats- oder Jahresabschlüssen, aber auch einmal davon, daß er sich für „Entlausungsstationen“ u.ä. zuständig fühlt, also für Belange der Etappe und der militärischen Infrastruktur.
Sonderbar ist nur, daß er, obzwar Schreiber, „etliches auf dem Kriegsgewissen“ hat, wie er Friedl schreibt.

Die „Judenfrage“ erwähnt er bereits in seinem 2. Brief im September 1941, weiß auch von „Mitteln und Wegen“, die sich zur Lösung derselben anbahnen. Als er im Spätsommer 1942 erstmals seit einem Jahr Ostfront Urlaub erhält und zur Familie nach München reist, verstört Klaus seine Frau durch Berichte und auch sein verändertes Wesen derart, daß diese noch Wochen später davon schreibt. Er habe geäußert „Alles soll im Blut ertrinken, alles soll vernichtet werden“ und sei an der Seele krank. Es scheint also sicher, daß Klaus H.während seiner Tätigkeiten in der Etappe 1941-1942 Zeuge schrecklicher Dinge geworden war.

1943-1944 kämpfte er dann allerdings wohl mehrheitlich an vorderster Front. H. machte den Krieg im Osten sicher bis 1944 ohne größere Verwundung mit, dies lässt sich anhand der Briefe sicher belegen. Aus einem Schreiben seines Bruders aus dem Jahre 1946 geht hervor, daß H. nicht in Kriegsgefangenschaft geraten war und sich (vielleicht 1944) ein Lungenleiden zugezogen hatte, das es ihm unmöglich machte, seinem früheren Beruf weiter nachzugehen. Später wurde er beim Bayerischen Schulministerium angestellt, bekleidete dort einen höheren Posten und war wohl für Biologie- oder Geographie-Schulbücher zuständig. Er starb um das Jahr 2001, was nach 1945 aus seiner Frau und den Kindern wurde, ist ebenfalls unbekannt.




Die Briefbestände nebst kurzen Auszügen aus einigen Schreiben:


1. Ca. 85 Briefe des Unteroffizier Klaus H. an seine Frau Friedel, vereinzelt auch an seine Eltern oder seine Kinder, datiert 12.8.1941 bis 4.6.1944. Die Briefe sind großteils von Klaus per Hand nummeriert, jedoch weist die Reihenfolge von Anfang an Lücken auf. 1941 und 1942 sind noch fast komplett erhalten, die Jahre 1943 und 1944 nur mit großen Lücken dokumentiert. Die Schreiben sind oft ein, oft zweiseitig, manchmal mit mehr als 2 Seiten. Die Handschrift des H. ist recht gut lesbar, jedoch schreibt er teils unter widrigen Umständen, stark ermüdet o.ä., sodaß ein Tel der Schreiben schwerer zu entziffern ist. Einige wenige Briefe sind mit Umschlägen erhalten, teils auch mit Briefmarken.
H. schreibt von der Erlebnissen der Front, von Problemen und Wonnen des Brief- und Päkchenversendens, von gewünschten und ungewünschten Gütern, von der Liebe zur Frau. Angaben, die sich auf das Leben seiner Gattin beziehen, machen rund ½ der Texte aus.
Ortsangaben sind nur in wenigen Briefen verzeichnet, die Schreibweise ist nicht immer eindeutig. Die wichtigsten Namen lauten:
1941: (Schreibweise oft nicht eindeutig) Iwju?, Irwyn?, Iwyn?, Ineja? Inoje? Lide? (bis Mitte November 1941),
1942: Brjansk, Uriji, Urizi, Samova-Rsija?, Radiga?, samara-radiga?, Klinzy, orel gomel lida, lide,
1943-1944: Minsk, Brjansk, Pripjet-Sümpfe, Akkulitschi (Akulitschi?), südlich Orel, Ossigowitschi (zwischen Minsk und Bobruisk).


1941. Gesamt 25 Briefe, Juli bis Dezember. 12.8., 15.8., 22.8., 8.9., 16.9., 20.9., 23.9., 3.10., 15.10., 20.10., 28.10., 2.11., 8.11., 12.11., 15.11., 16.11., 18.11., 20.11., 21.11., 29.11., 7.12., 11.12., 16.12., 22.12., 29.12.

15.8.1941: „An den Straßen in großer Zahl vernichtete russiche Tankes. Nur ganz selten mal ein ausgebranntes deutsches Fahrzeug. Das Getreide steht fast überall noch. Russische Gefangene bessern bereits nahe hinter der Frontlinie die Straßen aus, tatkräftig unterstützt von ihren jüdischen Gesinnungsgenossen. ... Die Juden, die hiergeblieben sind, gehören nur den ärmsten Schichten an, ihre wohlhabenden Rassengenossen haben es verstanden sich frühzeitig in Sicherheit zu bringen....“

22.8.1941: „Wir haben jetzt glücklich einige 100 km Marsch zurückgelegt von Tarnopol bis Iwju [?]. Ich sitze noch in Lide [?] in einem recht guten Quartier im hiesigen Gymnasium. Ich war leider Vorausabteilung. Unser, das heißt ‚mein‘ Standort ist ab morgen Iwju [?]. ... Also sei mit allen Fällen sehr vorsichtig mit der dir mitgeteilten Ortsangabe. .......“.

8.9.1941: „Das Gebäude in dem ich ‚wohne‘ ist eine ehemalige Artilleriekaserne, die von unseren Fliegern leicht angegriffen wurde. Glas, Scherben und Splitter aller Art liegen fußhoch in den Zimmern. Von Fenstern natürlich keine Spur. ... Eines der größten Probleme dürfte hier die Judenfrage werden. Schließlich kann man doch nicht alle in den Rokitno-Sümpfen ansiedeln. Aber auch hier bahnen sich bereits Mittel und Wege an. Soviel diesmal über Land und Leute ...“

16.9.1941: „Schicke mir 20 Pfennig Marken. Ich habe nur noch eine und dann kann ich kein Packerl mehr schicken. Was ist dir lieber, bzw. was soll ich zuerst schicken? Speck, Geräuchertes oder Butterschmalz? ... Den Kaffee habe ich von Kameraden der ‚Blauen Division‘ bekommen ... Auch gute spanische Konserven. Schokolade und Konserven werde ich aber selber vernichten. Wir sind nämlich alle sehr zuckerhungrig. .... Es ist einfach trostlos hier. Die russische Weite wirkt auf mich lähmend und macht auf empfängliche Menschen einen einzigartigen, unbeschreiblichen Eindruck...“

3.10.1941: „Bei uns geht langsam der Winter ein. Vor einigen Tagen habe ich 3 Wölfe gesehen. Pfundige Burschen! Wir hoffen alle auf Urlaub. Aber jetzt sind wir ja wieder woanders“.

2.11.1941: „Ausserdem bitte keine Karten [Postkarten] mehr schicken, denn hier wird alles gelesen. Aus dem selben Grunde keine Briefe in Päckchen hineinlegen, sondern dem Brief und dem Päckchen die gleiche Nummer geben und getrennt aufgeben. Päckchen werden geöffnet! Aus dem selben Grunde kann ich dir ... nicht schreiben, was mir auf dem Herzen liegt. Ich habe dir ja schon mal angedeutet, daß mich sowohl der Betrieb als auch die Kameradschaft in unserer ...division schwer enttäuscht hat“.

8.11.1941: „Ausserdem haben wir eine Jüdin, die für uns wascht und arbeitet und 2 Judenbuben zum Wassertragen, Einheizen ... usw.“

12.11.1941: „Ebenso spar den Likör und die Zigaretten für Weihnachten bzw. Urlaub auf. Ich möchte dich mal richtig blau sehen. Da staunst du, was? Aber hier ist mein einziger Trost auch nur der Alkohol und die Arbeit. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Ich war noch nie besoffen. ... Nun noch etwas geschäftliches: Es ist sehr wahrscheinlich, daß du vor Weihnachten noch ein größeres ‚Wertpaket“ von mir erhältst. ... Der Inhalt ist allerdings für mich bestimmt, aber ich will noch nichts verraten. Es handelt sich um ungewandelten Sacharin.“

15.11.1941: „Vorgestern war hier das 1. Mal eine Fronttheatergruppe von KdF. 3 Damen und 4 Herren. Das einzige, was gut war, war eine junge Violinsolistin, die wirklich gut spielte. Nebst ... in Folio. Sehr viel Fleisch und noch mehr .. aufgetragener Sexappeal, der nach seine Wirkung auf die höheren Herren nicht verfehlte. Die Damen übernachteten natürlich in unserer Ortskommandantur. Von Kunst wurde sehr viel gesprochen. ...“

16.11.1941: „Bitte folgt mir doch, und schickt mir nur das, was ich euch schreibe. Der Schal ist für mich nur ein Stück mehr zum schleppen. Tragen darf ich ihn doch nicht und ausserdem sind wir in jeder Hinsicht bestens versorgt. Wir haben alle – wenn wir draußen Dienst machen müssen - dicke Schafspelze und russische Winterkleidung“.

[um 30.11.1941?]: Brief zu Nikolaus an den Sohn Peter, wohl 1941. Klaus schreibt in roter Schönschrift und zeichnet Weihnachtskerzen neben den Text, klebt gar Stanniolfolie daneben. Er schreibt: „Lieber Peter, ich muss noch zu den Soldaten darum kann ich mich nicht so lange bei jedem Kind aufhalten, darum schreibe ich diesen Brief und die Englein bringen ihn. ... Du musst dir aber ganz ernstlich vornehmen, recht lieb und fromm zu sein und keine Hosen nass machen, denn in ein Haus, in dem es nach nassen Hosen richt [sic], kann das Christkind nicht kommen.“

29.12.1941: „Ich sitze in L. bei Behringer. Vor Arbeit weiß ich ... nicht wohin. Wir sind heute 3 Std. durch Schnee und Eis zum Postholen gefahren. Nur noch alle 10 Tage.“

1942. 42 Briefe am 2.1., 12.1., 19.1., 1.2., 6.2., 11.2., 14.3., 26.3., 29.3., 7.4., 17.4., 18.4., 26.4., 2.5., 5.5., 12.5., 20.5., 7.6., 18.6., 22.6., 23.6., 26.6., 9.7., 19.7., 20.7., 27.7., 12.8., 28.8., 1.9., 2.10., 10.10., 12.1.0., 17.10., 1.11., 1.11., 8.11., 16.11., 22.11., 1.12., 13.12., 17.12., 28.12., 30.12.

2.1.1942: „Ich hätte noch einen dummen Wunsch. Du weißt, Männer sind Kinder ...., ich wünsche mir nämlich 3 Schallplatten, die ich mir später oder im Urlaub mal anhören will. 1., die unvermeidliche: ‚Hörst du meine fröhlichen Rufe...‘, 2. DIE Platte der Ostfront, die jeden Abend der Sender Belgrad bringt und der unsere Soldaten andächtig horchen: ‚Unter der Laterne bei [sic] dem großen Tor‘ [Lilli / Lili Marleen]“.

12.1.1942: „Das Geschwätz von großen Einbrüchen der Russen entbehrt jedenfalls jeder Grundlage. Die Russen rennen zwar sinnlos gegen die deutsche HKL an, aber entscheidende Erfolge sind nirgends zu verzeichnen. Die Schwierigkeiten sind ganz anderer Natur und betreffen vor allem noch die Gebiete, in denen wir liegen. Ich kann euch darüber nur mal im Urlaub etwas erzählen. Es handelt sich um Dinge, von denen die Heimat keine Ahnung hat.“

6.2.1942: „Ich war längere Zeit dienstlich fort und ohne Postverbindung. ... Unser Rgt. Kdr. Obstlt. Pausinger [d.i. Joseph Pausinger] hat inzwischen das Ritterkreuz bekommen. Mehr kann ich dir über unsere militärische Tätigkeit nicht schreiben.“

11.2.1942: „Bei uns ist alles verschneit und nur mit Panjeschlitten durchzukommen. Trotzdem ist alles in Bewachung. Die Kälte war bis jetzt nicht schlimm (32-35°).

14.3.1942: „Mit den Partisanen haben wir nach wie vor zu tun. Es sind aber nicht etwa bewaffnete Zivilisten, sondern reguläres russisches Militär, das meist als Fallschirmjägertruppe eingesetzt ist. Der Begriff Front ist hier im Osten etwas anderes, als an den anderen Kriegsschauplätzen“.

6.3.1942: „[Ich berichte] von etwas, das mir einen seelischen Knacks gegeben hat. Es handelt sich um das Mädchen Fanny, von der ich dir ein paar Kleinigkeiten schicken und von der ich dich ein letztes Mal grüßen soll. Du brauchst dir aber keinerlei falsche Gedanken zu machen....“

März 1942, undatierter Geburtstagsgruß: „Die Handtasche schickt dir F. mit einem besonderen Gruß. Wenn ich Urlaub habe, kläre ich dich über das geheimnisvolle Mädchen auf“.

18.4.1942: [Zum Mädchen Fanny]. „Eigentlich bin ich dir ja gar keiner Rechenschaft schuldig, aber ich will reinen Tisch haben. Warum mich die ganze Sache seelisch etwas mitgenommen hat, das habe ich dir versprochen im Urlaub zu erzählen. Es beruht in erster Linie auf meinem ausgesprochenen Geerechtigkeitsgefühl. Mehr kann und will ich nicht schreiben. Das Kind ist wahrscheinlich längst umgebracht oder wird es in der nächsten Zeit. Es war für mich nicht nur ein Einzelfall, sondern ein Fall unter Millionen.... Nun noch ganz kurz etwas über Hase: Er ist ein seelenguter und aufrichtiger Kamerad, aber ein sehr undisziplinierter, ja vielleicht primitiver Charakter. Hase hat noch niemanden umgelegt, so etwas täte er gar nicht, während ich schon allerhand auf dem Kriegsgewissen habe. ... Bitte erinnere mich beim Urlaub ... an Hases Geburtstagsfeier, an der F. nur zwangsweise teilgenommen hat, weil sie nun mal bei uns angestellt war. Ich war froh, wie der ganze Krampf vorbei war, [meine Laune lässt] sich zur Zeit weder durch Alkohol noch durch Weiber ändern“.

20.5.1942: „Nun setzen die Flieger arg zu. Morgen, mittags und die halbe Nacht sitzen wir im Splittergraben. Lauter Amerikaner. Vor einigen Tagen erhielt ich die sichere Nachricht, daß F. am 8. Mai auf entsetzliche Weise umgebracht wurde.“

18.6.1942: „Diesen 18.6. werde ich nie vergessen. F. lebt noch und ich konnte sie kurz sprechen“. [unten steht auf dem Brief in anderer, kindlicher Handschrift: „Liebe Friedl, Peter und Hörsty! Ich grüsse euch herzlich und wünsche, dass ihr Euch bald wieder seht. Fanny“].

22.7.1942: „In den letzten Tagen hatten wir ordentlichen Einsatz, die Verluste halten sich aber in mässigen Grenzen. ... Die Stimmung hier bei der Truppe ist ausgezeichnet, wenn auch niemand daran glaubt, daß der Rußlandkrieg heuer noch beendet werden kann.“

27.7.1942: „Nachrichten dringen nur ganz selten zu uns, heute erst haben wir erfahren, daß Woroschilowgrad gefallen ist“.

28.8.1942: „Nach 7 Tagen Bahnfahrt, mehrmals durch Panjetransport unterbrochen, sind wir nun bis nach Gomel gekommen. Hoffentlich sind wir bis zum 1. oder 2.9. in Lida. Dort haben wir dann noch 1 Woche zu tun, sodaß ich etwas Mitte September bestimmt zu dir komme“.

30.12.1942: „Gestern Abend habe ich alle deine Briefe, die ich noch nicht zurücksandte, verbrannt. Ich habe es mir lange überlegt und manchen davon übergab ich nur zögernd dem Feuer, aber die Verhältnisse zwingen mich dazu. Ich will nicht haben, daß durch irgend ein Ereignis jemand etwas zu lesen bekommt, das nur für uns beide bestimmt war. Ich bin ja so froh, daß Weihnachten vorbei ist. Am Hl. Abend hatten wir eine zwangsweise Zusammenkunft. Wie durch ein Wunder hatten wir keinen Alarm. Diesmal haben sie uns wirklich zur Ruhe gelassen. Anschliessend gab es so viel Arbeit, daß ich noch heute nicht weiß, wo anfangen und wo aufhören. All das findet seine schöne Ergänzung in dem Monats- und Jahresabschluß, der mich bis zum 10. Januar völlig in Anspruch nimmt.“



1943. 21 Briefe am 1.1., 9.1., 12.1., 22.1., 7.2., 8.2., 15.2., 18.2., 6.3., 15.4., 30.5., 3.6., 5.6., 16.6., 27.6., 2.7., 26.7., 3.8., 10.9., 23.9., 8.10.

1.1.1943: „Ich bin Soldat und tue das, was mir befohlen wird. Ich habe jede eigene Initiative aufgegeben und kenne nur noch ein Motto, nämlich mir meine ... Lage so gut und nahrhaft wie möglich zu gestalten“.

4.3.1943: „Schnell ein Lebenszeichen. Unsere Kompanie gestern so ziemlich aufgerieben. Ich bin mit 8 Kameraden versprengt. Mir geht’s gut. Bin auch nicht verwundet. Macht euch keine Gedanken, es war nur ein örtlicher Panzervorstoß ....“

15.4.1943: „Hoffentlich geht der 20. April [Hitlers Geburtstag] gut vorbei, ich muß immer an dich, die Kinder und die Eltern denken. Ich kann mir garnicht vorstellen wie das enden soll, denn auch hier nimmt die Tätigkeit der russischen Luftwafe immer mehr zu.“

30..5.1943: „Ich bin z.Zt. immer noch ziemlich vom Urlaub her belastet, d.h. ich kann mich nur schwer wieder an den Stumpfsinn gewöhnen ...“

26.7.1943: „Wir stehen mitten im harten Einsatz. Wann ich den Brief jemand mitgeben kann, weiß ich nicht. Es geht mir immer noch gut. Einige meiner allernächsten Kameraden mußte ich gestern verlieren. ... Ich bin so müde, habe drei Nächte nicht mehr schlafen können, dazu immer bei strömendem Reegen in Schlammpfützen und Erdlöchern, von Stellungen gar keine Rede. Man wundert sich, was der Mensch im Ernstfall alles aushalten kann“.

3.8.1943: „Es geht mir immer noch gut. Die meisten meiner Kameraden mußte ich allerdings schon in russischer Erde betten. ... Ich bin jetzt etwa 5km hinter der HKL beim kleinen Dampftroß. Ihr braucht euch mich also nicht mehr zu sorgen. ... Orel ist noch in unserer Hand. Der Russe greift verzweifelt ohne Unterbrechung mit großer Überlegenheit an. Ich weiß bestimmt, daß mir nichts passieren wird. ...“

23.9.1943: „... Es geht weiter zurück. ... Was sich hier im Osten abspielt, läßt die ganze Italienaffäre weit verblassen. ... Ich bin ja so froh, daß zuhause kein neuer Fliegerangriff entstanden ist. ... Es ist so beruhigend, Euch beide [die Eltern] daheim zu wissen. Und doch habe ich dauernd Angst und Sorge um euch....“

8.10.1943: „Mit dem heutigen Tage haben wir uns 450km nach Westen abgesetzt. ... Ich kann mir nicht vorstellen, wie das enden soll, denn bis heute haben wir noch nirgends ein Halt festhalten können [sic].“

1944. 17 Schreiben, am 18.1., 26.1., 30.1., 12.2., 21.2., 24.2., 23.3., 22.4., 29.4., 30.4., 4.5., 10.5., 11.5., 16.5., 28.5., 4.6.

18.1.1944: „Ich sitze hier ganz alleine an einem schmalen Holztisch in einem der Übernachtungszimmer des Soldatenheims Ossigowitschi (zwischen Minsk und Bobruisk). Vor mir brennen 2 Kerzen und links von mir steht ein Feldbecher mit Valtum ... und dein guter Kuchen ..., von dem ich von Zeit zu Zeit ein Stückchen inhaliere. Die anderen Kameraden (es haben sich im Ganzen 8 zusammengefunden) sitzen im Parterre im Aufenthaltsraum und saufen ihren Kummer hinunter, während ich hier Wache halte. Heute um ½ 2 Uhr nachmittags sind wir alle hier ohne Zwischenfall gelandet. Anschließend waren wir von 2-5 Uhr noch im Soldatenkino. Es war mir ein schmerzliches Erwachen als der Film zu Ende war und nicht daneben du warst. Und ich nicht die vertrauten Häuser von zu Hause [sah], sondern die fremde russische Stadt im tiefsten Winter. .... Hörst du, Liebste, ich war ja so komisch in den letzten Stunden des Urlaubs. Heute schäme ich mich fast vor mir selber. ... Immer wieder, wenn ich mit meinen Gedanken bei dir war, dann klopfte die Erinnerung oder das Vorgefühl an die Front, an die Kameraden und an all das Schmezliche des Krieges bei mir an und ich mußte mich fast zusammen nehmen um nicht wie ein kleines Kind zu weinen. ... Ach, ich muß aufhören darüber zu schreiben, denn ich fühle wie mir die Erinnerung schon bald die Augen feucht werden läßt....“

12.2.1944: „Es kommt jetzt keiner mehr so leicht aus dem Osten weg in ein Heimatlazarett. Wenn man alle Dinge, die sich hier tun und all das, was man so hört, sorgfältig zusammensetzt, dann wird man den Eindruck nicht los, daß sich die Truppen, die schon immer und noch jetzt im Osten befinden sich hier so langsam und sicher verbluten sollen. Militärisch kommen wir von einer Zwickmühle in die andere. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß es mir vielleicht doch gelingen möge, von hier weg zu kommen.“

15.2.1944: „Hier ist der eisige russische Winter eingezogen. Militärisch haben wir keine Ahnung, was eigentlich woanders geschieht. Wir sind völlig abgeschlossen. Gott sei Dank, daß wie nicht zu viel erfahren“.

24.2.1944: „Ich bin schon wieder so abgestumpft, daß mich dabei das ganze Kriegsgeschehen rings um uns nicht mehr stört.“

23.3.1944: „Wir leben in einem Bunker im leichten Mischhochwald zwischen hohen Fichten, Kiefern, Erlen und Eichen. Dazwischen, bzw. gleich vor unserem Bunker eine Art Lichtung mit jungen Birken und Kiefern. ... Unsere Pferde stehen auch in Bunkern und außerdem haben wir noch Finnenzelte. Das sind ... aus Sperrholzplatten gebaute Zelte mit etwa 6m Durchmesser. ... Der Iwan ist in unserem Abschnitt jetzt wieder sehr ruhig. Vor einiger Zeit allerdings ging es hoch her. Dabei erhielt, wie ihr im Wehrmachtsbericht wohl gelesen habt, ein einfacher Grenadier das EK II und EK I und das Ritterkreuz auf einmal. Das war in ... bei Schajilki an der Beresina, wo wir uns vor einiger Zeit noch befanden. Soweit kann ich euch mit gutem Gewissen um unser Tun und Bleiben ruhig berichten. ... Dazu kommt noch, daß die Verpflegung zur Zeit recht gut ist und mich die Stimmung immer noch nicht schluckt.“

30.4.1944: [An den Sohn Horst zum Geburtstag] „Vor allem möge dich das Schicksal davor bewahren, daß du dereinst ebenso wie dein Vater als Soldat jahrelang im fremden Lande kämpfen mußt.“

28.5.1944: „Hier geht es ... nicht besonders. Ich werde schickaniert und gepresst noch und noch, soll unbedingt Offizier werden.“

4.6.1944: „Es ist schon trostlos mit uns hier im Osten. Ich glaube, ... uns hat man ganz vergessen. ... Seit Wochen schlafen wir wieder im Zelt, unter einem Panjewagen oder vollkommen im Freien...“.



2. 25 Briefe der Friedl an Klaus, verschickt zumeist aus München-Pasing, dat. 1941-1942. Die Handschrift der Friedl ist gut lesbar, die Schreiben meist 2seitig, vereinzelt kürzer, öfter länger. Sie berichtet fast ausschließlich vom Leben daheim, von den beiden Söhnen, den Schwiegereltern usw., politische Belange werden erst nach Klaus‘ Besuchs im September 1942 erwähnt. Erhalten sind Briefe vom Herbst und Winter 1941, vom Winter 1942, und einige wenige der 2. Jahreshälfte 1942. Aus den Texten geht jedoch hervor, daß Friedl täglich mindest einmal schrieb. So scheinen die meisten Stücke bei Klaus verloren gegangen zu sein, die erhaltenen wurden wohl von ihm nach Erhalt zurück nach Pasing geschickt, um sie dort aufzuheben.

1941. 9 Briefe. 19.8., 1.9., 10.11., 13.11., 29.11., 5.12., 7.12., 9.12., 10.12.

19.8.: „Ich will dich auch immer lieben und dir treu sein und bleiben. Bitte lach mich nicht aus, ich mein es wirklich so, nur sagen lässt es sich schwer.“

10.11.1941: „Man will und kann oft nicht begreifen, daß dieser Krieg einen Sinn und Zweck haben soll und doch ist mein Glaube an das Gute an Gott noch so groß, daß ich glauben muß, daß [er] ..... auch mit diesem Krieg seine Macht geltend macht. ... Ich zermartere mir oft den Kopf, wie soviel Gnade und soviel Härte zusammen sein kann, ist es das Gute und das Böse, wie wir es in uns selbst bezeichnen, nur im Großen?“

10.12.1941: „Damals hatten wir uns gerade in Vaterstetten verlobt, weißt du noch wie ich in einer Gewitternacht zu dir in das Bett schlüpfte? Dabei habe ich erlebt, daß das Erlebnis später immer dem ersten unschuldigen Erlebnis ähnlich ist und vielleicht auch sein wird, da immer deine zarte Liebe die richtige Art finden wird. ... Ich meinte, daß ich später, wie ich schon lange mit dir verheiratet war, immer mit demselben Gefühl zu dir kam wie damals, als ich als kleine Führerin zu dir kam.“

1942. 16 Briefe. 4.1., 5.1., 10.1., 2.2., 4.2., 17.2., 18.2., 19.2., 28.3., 24.4., 15.6., Juli 1942, 3.9., 4.10., 29.10., 3.11.

Juli 1942: „Wir sind eingeschlossen in diesen ewigen geheimnisvollen Kreislauf und beugen uns vor der Allmacht. Gerade im Zusammenhang mit F. empfinde ich diese Macht, das Schicksal hat dich dazu ausersehen, diesem Mädel zu begegnen und ihr das Leben leichter zu machen, vielleicht auch das Sterben.“

3.9.1942: „Liebster, verzeih mir, wenn ich im Urlaub irgendetwas gesagt oder getan hab, was dir weh tun müßte, aber bitte versteh mich, der Auftakt dazu war wirklich unglücklich. Es wäre besser gewesen, du wärst unmittelbar von der Front zu mir gekommen. Aber lassen wir die ungesunden Gedanken. Sie führen zu nichts. Es ist besser, ich denke mir auch: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, wir haben beide denselben Stern, du bist mir nah und doch so fern.“

4.10.1942: „Peterchen [das ältere Kind] har mir heute früh erzählt, daß er Kinderarzt werden will, dann braucht er nicht in den Krieg ... Ich bin immer noch gemütskrank, so sehr hat mich all das erschüttert, was du im Urlaub erzählt hattest.Ich seh die Dinge bestimmt in einem anderen Licht, als wie du mir zumutest, es hat aber keinen Zweck, dir das immer wieder zu versichern oder zu erklären. Ich hoffe aber sehr, daß du selbst noch zu den Erkenntnis kommst, daß ich erstens zu den anständigen Deutschen gehöre und zweitens ein Mensch bin, der sich durchaus das Gefühl für Recht und Unrecht erhalten hat. ... Vergiß doch endlich, daß ich in der P. [Partei, NSDAP] gearbeitet habe. Ich hab doch nur zu gut bewiesen, wie wenig tauglich ich zu dem Geschäft war. ... Du Selbst hast ja auch gesagt, ich hätte wohl nicht in ihrem Sinn gearbeitet.“

3.11.1942: „Mein seelisches Gleichgewicht habe ich seit dem Urlaub noch nicht gefunden. Aber was bedeutet das, wenn man an die Menschen denkt, die so sehr leiden müssen. Ich würde dir raten, den Brief von F. zu verbrennen. Du magst darüber erstaunt sein, aber du bist Vater von 2 Buben und denen in erster Linie verpflichet. Ich möchte nicht haben, daß bei irgendeiner Gelegenheit jemand von diesem Brief erfährt oder ihn liest. Ich bitte dich inständig, dich durch dein Mitleid nicht hinreissen zu lassen und irgendeine Dummheit zu machen. ... Aber mein liebster Klaus, F. wird immer wie ein Schatten neben mir sein, auch für mich sind diese Erlebnisse unvergesslich. ... Für mich ist der Urlaub so erschütternd gewesen, daß ich jetzt noch keinen Boden unter den Füssen finde. Mir ist alles, was mich betrifft, so gleichgültig geworden. Sicher fehlst du mir in erster Linie, aber auch der Gedanke, daß es so viel Leid gibt und man nicht helfen kann, ja, daß sogar jede Hilfe strafbar ist, hat für mich etwas grauenhaftes und niederdrückendes. Wenn ich dann daran denke, dass du so weit bist, daß du sagen kannst: ‚Alles soll vernichtet werden, alles soll im Blut ertrinken‘, könnte ich schreien vor Schmerz um dich und die Zeit. ... und deine Seele ist krank, dies geht zum großen Teil aufs Konto des letzten Jahres und zum guten Teil auf das Konto von F. Wir haben im Urlaub leider in Wut beiderseits so viel vom Verrecken oder Sterben leichtfertig geredet, daß es im Ernst ganz gut ist, wenn alles klar ist.“

Anbei noch 2 Kinder-Miniatur-Feldpostschreiben mit Miniaturbriefmarke, einmal datiert 1940.





3. Briefe von Freunden und dem Bruder an H. oder dessen Gattin, datiert 1942 und 1943.

- Ruebeling, Jägerstr. 9, München. Brief vom 7.10.1942: „Werter Herr H.! Herr Ruebeling hat mich gebeten Ihnen mitteilen zu wollen, daß er nach einem mißglückten Selbstmordversuch in das Res. Laz. München I eingeliefert wurde. Hächersteiger [?]“. Brief von Ruebeling an H., dat. 13.10.1942, mit Umschlag: „Lieber Klaus, du hättest mir sicher mehr zugetraut, als so einen stümperhaften, mittelmässigen ‚Versuch‘ ... und wenn auch nur alles an einem Haare hing und die ultima linea rerum fast erreicht war: also mir hätte das nicht passieren dürfen. Zur Strafe bin ich einige Wochen in die Nervenabteilung des Lazarettes (sprich Irrenabteilung) gesperrt worden ... Die ‚große Sache’ist übrigens völlig aus – ein ungeheurer Aufwand schmählich vertan. Man wird völlig neu anfangen müssen, nachdem die Vorrrsehung [sic] das Entspringen nicht zuließ. ... Von ‚Lotte in Weimar‘, die du bei mir bewundertest, ein andermal. Ein erstaunlicher Versuch, die Goethesche Existenz sichtbar zu machen ... alles recht gscheit und mehr als das: Die Äußerung eines großen Temperaments, das ich bei Th.M. [Thomas Mann] nie vermutet hätte. ...“ Weitere Informationen zu Ruebeling liessen sich nicht eruieren.

- Bernd H., Bruder des Klaus, 1945 SS Rottenführer. 2 Briefe, vom 21.11.1942 und 5.1.1943, an Klaus und an Friedl, lokalisiert „Dänemark“. Bernd tut 1942/1943 als Funker (bei der Luftwaffe) Dienst, 1945 ist er SS-Rottenführer.

- Wilhelm Schmidt, Geologe: 4 Briefe aus Russland (2 an Friedel, 2 an Klaus), 3x 1942, 1x 1943. Wilhelm ist am 1.8.1942 technischer Kriegsverwaltungsrat (im Hauptmannsrang) und seit Anfang des Rußlandkrieges im Osten eingesetzt.

28.11.1942 (an Friedl): „Seit meinem letzten Brief hat sich unerhört viel für mich ereignet. Bis Mitte Oktober war ich an der Donfront bzw. vor Stalingrad. Dann kam meine Versetzung nach Norwegen. Den 3200km langen Weg nach Berlin legte ich durchweg per Flugzeug zurück. Welch eine Umstellung! Nun befinde ich mich seit 4 Wochen in einem Land, das schon immer mein Traum war. Ich habe meinen Sitz in einer alten Seestadt an der Westküste (Star. [Stavanger]) in einer überaus urmächtigen Landschaft. .... Der Grund meines Schreibens ist ein anderer. Ich überlegte mir oft, ob ich Klaus nicht von seiner Truppe loseisen kann. Sow ich ihn kenne, dürfte der Dienst an der Ostfront als normaler Soldat ihm auf die Dauer nicht zuträglich sein. Nun ist zur Zeit bei der Wehrgeologie ziemlicher Bedarf an Nachwuchs. ... Ich bin ziemlich überzeugt, daß ich ihn loseisen würde.“

17.4.1943 (an Klaus): „Herzlichen Dank für deinen lieben Brief ... Er ist, wie dein letzter, ergreifend. Du mußt wirklich was durchmachen....“ Es folgt eine Aufzählung von Urlaubshöhepunkten und eine genaue Beschreibung des Etappen-Lebens in Norwegen nebst Berichten von geologischen Privatforschungen. Da sich Wilhelm, wie Klaus, der Geologie verschrieben hatte, mussten Klaus diese Schilderungen mehr als Qual bereitet haben.

- Abschiedsbrief eines deutschen Soldaten, datiert 10.8.1942. 1 Blatt, saubere Antiqua-Handschrift auf kariertem Rechenpapier. Die Schreibweise des Mannes legt nahe, daß er kein Deutscher, sondern vielleicht französischer oder belgischer Herkunft und somit möglicherweise SS-Mann war. Fehlerhafte Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden im Zitat beibehalten): „Iwie, 10.VIII.1942. Liebster Klaus! Wenn du wirst meinen Brief bekommen werde ich schohn [sic] nicht mehr leben. Meine Freunde, welche waren ins Lazaret in Slonin und Nowogrudek sind diese Tage gestorben. Es ist schön, für Führer zu fallen, aber doch etwas traurig, weil ich so weit von der Heimat bin. Es ist nichts zu machen – so ist der Schicksal. Ich habe sehr viel zu sagen, aber es ist niemand hier da. Beste Wünschen und Grüsse für Deine Liebste Frau und Kinder. Ich wünsche dir schnelen Zurückkehr nach Hause, zu Familie. Ich glaube das Du wirst was schönes und gutes erleben, ich aber endig leider mein Leben. Recht viel Glück! Willy“.




4. Briefe der Mutter und des Vaters an Klaus, dat. November 1941 – Juni 1942. 16 Schreiben, ca. 14x mit Umschlag. Die Handschrift der Mutter ist recht mühselig zu entziffern, die des Vaters passabel. Mehrheitlich wurden hier familiäre Begebenheiten zu Papier gebracht, Äusserungen über den Krieg und Politik fehlen fast ganz. Dabei noch ein schöner Geburtstagsgruß der Familie an Klaus, datiert Februar 1942; im mehrseitigen Schreiben haben Mutter, Vater und Ehefrau je einen längeren Text geschrieben, auf der 1. Seite kleben Fotos von Vater, Mutter, Klaus, Friedl, den beiden Söhnen und einer weiteren jungen Dame. Dazu ein rührender Brief vom Sohn Peter, mitunterzeichnet von einer „Luise“ (der unbekannten Frau auf dem Foto?).






5. Ca. 20 Briefe der Mutter und des Vaters an Friedel, Dezember 1944 bis Dezember 1945 (meist Dezember 1944 bis März 1945). Die Briefe oft mehrseitig, teils schwer verständlich, einige scheints mit fehlenden Seiten. Karls Eltern sind zumindest zeitweise nicht in Pasing, weshalb Friedl von Ihnen etliche Briefe erhielt. Aus den Stücken geht hervor, daß Klaus den Krieg überlebt hat, im Dezember 1945 aber noch nicht in der Heimat ist. Über Bruder Bernd wird berichtet, daß er Panzerfahrer bei der SS wurde (er habe zwangsweise von der Luftwafe in die SS gewechselt, wie sie schreibt), und im Dezember 1945 ebenfalls noch nicht in der Heimat ist.



6. Ca. 40 Briefe von Klaus an Friedl, 1934-1938 (meist 1934). Friedl lebt sicher seit 1930 in Pasing, Klaus wohl schon länger. Friedl ist 1934 als Jugendführerin im BDM tätig, Klaus studiert im selben Jahr Geologie und ist parallel für die HJ als Führer (für Knaben aus Obermenzing) eingesetzt. Friedl ist 1938 noch bei dem BDM, Klaus berichtet in den 2 erhaltenen Briefen des Jahres jedoch nicht mehr von HJ-Tätigkeiten.

6.4.1934: „Zunächst war ich mal einige Tage mit 60 Jungen vom Raum München-Süd auf Lager in der Eichenau bei Fürstenfeldbruck. Dann hatte ich drei Tage Besuch von einem Jungbannführer und einem Fähnleinführer aus Zittau bzw. Löbau. ... Der Jungbannführer war früher mit mir zusammen im Sachsengau der „Deutschen Freischar“. Wir haben uns glänzend unterhalten und dabei auch vor vor verschiedenen heiklen Fragen nicht Halt gemacht, ... besonders auf dem Gebiet der Religion, der Kirche und Schule ... Ich bin ... in einer sehr bedrückten Stimmung. Einer meiner besten Kameraden, Fähnleinführer Feistle, der mein Stadtgebiet führt, schoß sich auf bisher ungeklärte Weise mit einem Browning in den Unterleib. Die Leber ist vollständig zerrissen, die Galle durchschossen und der Darm verletzt. Ostersonntag Abend kam das Telegramm des Besagten, daß er im Sterben liegt ... da hat er sich nochmal zusammengerissen. Und nun lebt er noch. ... Morgen holt mich Etzel ab, dann fahren wir nach Schloss Jettenbach in der Nähe von Mühldorf am Inn. Dort haben 2 meiner Fähnlein ein großes Schulungslager.“

20.5.1934: „In letzter Zeit habe ich mich genügend ärgern müssen. Den ganzen Tag nichts als Behördenlaufereien. Vom SA-Dienst bin ich nun wenigstens ‚beurlaubt‘, dafür soll ich aber in den Sommerferien auf 4 Wochen SA-Wehrsportlager. Zu dieser Zeit sind aber all meine Führer auf dem großen Hochlandlager und ich sollte während dieser Zeit den Betrieb schmeissen. Außerdem muß ich in den Ferien 10 Wochen in den Arbeitsdienst. Schließlich musste ich mich noch verpflichten, wenigstens ein Semester in Königsberg oder Breslau zu studieren und während dieser Zeit in einem Kameradschaftsheim zu leben, damit ich zum Nationalsozialismus erzogen werde. Na wir werden ja sehen, man kann immer nur einem Herren dienen. In diesem Semster habe ich sehr viel zu arbeiten. 40 Wochenstunden. ... Wenn ich dann endlich nach Hause komme, wartet meistens eine ganze Gesellschaft auf mich. Dann muß ich bis spät abends Tippfräulein schieben.

11.6.1934: „Eben kam ich von einem Stammführungsabend heim. Thema: Revolution. Der Abend war tadellos. ... Ich hätte dir gern was vorgelesen. Weißt du, so was wie das erste Kapitel von ‚Volk ohne Raum‘. Ich glaube, das heißt ‚Heimat und Enge‘. Da hättest du mir wennigstens schön brav zuhören müssen. Das Buch V.o.R. habe ich mal besessen. Vor 2 Jahren verliehen und nie wieder gesehen.“

17.6.1934: „Die Frage: Was ist arisch? ist sicher eine der gemeinsten Fragen die man einem vorlegen kann... Bei der Beantwortung dieser Frage mußt du streng unterscheiden, ob du es vom Standpunkte der Sprachwissenschaft oder der Rassenforschung tust. Heute ist die Bezeichnung ‚arisch‘ auf alle Fälle wissenschaftlich unbrauchbar und ihre Anwendung sehr zu widerraten, da sich das Wort arisch in nichtwissenschaftlichl. Kreisen meist in gänzlich falscher und unverstandener Bedeutung herumtreibt. Und zwar meist in einer ganz verschwommenen Anwendung auf solche Völker, die nicht semitische Sprachen sprechen. Man stellt dann gerne den Arien die Semiten gegenüber (siehe Arierparagraph!!), vergißt dann aber, daß es ja eigentlich gar keine semitische (oder jüdische) Rasse gibt, daß vielleicht in der Rassenkunde die Bezeichnung Semiten längst aufgegeben wurde , da es ja Menschen und Völker verschiedenster Rasseherkunft gibt, die aber doch alle semitische Sprachen sprechen.. Wer also heute nich von Semiten (= Juden) oder Ariern bzw. arisch spricht, ist in jeder Beziehung rückständig. ... Hüte dich also vor dem dummen Ariergerede! Was die Judenfrage betrifft, so kann man sich da mündlich viel besser unterhalten. Jedenfalls, das eine ist ja klar, daß die Juden nicht der semitischen Rasse angehören, sondern eine wunderbare Promenademischung darstellen. ... Es gibt ja schon viele Juden, die gar nicht wie Juden aussehen. Überhaupt, was die Juden betrifft, so war es schon immer meine Ansicht, daß nicht die Juden eine Gefahr sind, sondern der jüdische Geist, der auch in vielen Ariern steckt.“

1.7.1934: „Ich muß morgen um 7h nach Memmingen auf die SA-Sportschule für 10 Tage.Schreib mir also bitte in der Zeit ... nicht nach Pasing. Mein Bruder [Herbert, von den Eltern Bernd genannt?] liest die Briefe.“

12.7.1934: „Ich bin doch froh, daß ich in der SA keinen Dienst tun brauche. Man hat uns Hitlerjugendführer zwar als hochmütig und ungebildet bezeichnet, ja einer sagte zu mir sogar „... es wird schon noch die Zeit kommen, wo die SA mit Maschinengweheren gegen die HJ vorgehen wird“; ich bin aber doch felsenfest davon überzeugt, das es nicht der Geist der SA ist, der den Bestand des dritten Reiches garantiert, sondern in erster Linie der neue, selbstlose Idealismus unserer Jungen und Mädel in der Hitlerjugend.“

18.7.1934: „An meinem nächsten Stammschulungsabend spreche ich über das Thema ‚Judentum, Volkstum und Rasse‘, ich freu mich schon darauf! Übrigens eine glänzende Einrichtung, dieser Stammschulungsabend. Du hast vielleicht im Aufbruch darüber gelesen. Bis jetzt bin ich der beste Stamm im ganzen Oberjungbann. Die HJ treibt ja geistig weltanschsuliche Schulung überhaupt nicht. Das steht nur auf dem Papier. ... Die RJF [Reichsjugendführung] gibt doch neuerdings Schulungsbriefe heraus, die sehr gut sind. Die ganze Sache interesseiert mich brennend. Wäre es nicht möglich, daß ich durch dich die wöchentlich erscheinende Mappe ‚Die Mädelschaft‘ und die vierwöchentlich erscheinende ‚Die Jungmädelschaft‘ erhalten könnte? Ich möchte nämlich die ganzen Schulungsmappen geschlossen haben. Ich habe wirklich erhrliches Interesse für die Arbeit im BDM, besonders weil ich weiß, daß gerade die Mädel besonders stark mit der Unvernunft der Eltern usw. zu kämpfen haben. Was jedoch die Mädel des BDM betrifft, so kommst vorläufig nur du in Frage.“

16.8.1934: „Du musst immer bedenken: Begeisterung, Idealismus, die nötige innere Disziplin und der Mut, seine eigenen Fehler begreifen und bekämpfen zu wollen, das alles sind Eigenschaften und persönliche Werte, die man nicht durch Schulung und Dressieren erreichen kann. . ... Wir wollen ja keine neuen Charaktere heranzüchten oder irgendwelche Vorbilder einer falschen Schulung. Was wir wollen ist Formung, ich möchte sagen Gestaltung derjenigen Charaktere, die schon das nötige Rüstzeug mitbringen. Schulung ist Herzens- und Willenssache. Wenn du so tüchtige Führerinnen zusammen hast, die begeistert und zu jedem Opfer fähig sind, die in dir nicht die Vorgesetzte, sondern die ältere Kameradin sehen und schätzen, dann hast du damit ... gewonnen ...“

30.8.1934: Zum Reichsparteitag muß ich nun behelfsmässig auch antreten. Ich gehe nicht gerne nach Nürnberg.“

4.12.1934: „Ich habe den Eindruck, daß die ganze Mädelarbeit neben ihrer unbedingten Berechtigung und Wichtigkiet für unser Volksganzes vor allem etwas viel persönlicher[es], tieferes und Bessers hat, als die Arbeit in der HJ, die leider endgültig zu verbonzen und zu verkalken droht.“

13.12.1934: „Sonntag oder Montag findet die Besichtigung meines Stammes durch den Gebietsführer statt. ... Bei uns in Bann und Jungbann ist sehr vieles nicht in Ordnung nur kann man niemand etwas Positives [gemeint ist wohl: Negatives] nachweisen.
1939 (?): Klaus scheint politisch mit den Nazis keineswegs einverstanden gewesen zu sein. So schreibt er (in einer undatierten Karte): „Die Messe [Spielzeugmesse] war so schlecht wie noch nie, es kaufen überhaupt keine Ausländer mehr in Deutschland. .... Die Rede des Führers habe ich natürlich gehört, allerdings bin ich nicht mehr begeisterungsfähig, eher verbittert. Deutschland ist groß und der Zuversicht weit.“

 


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