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Jahr: 1953
Bemerkung:
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E. Deischl: Aus meinem Jugendparadies. Schreibmaschinen-Typoskript im Selbstverlag, München 1953. 8°, Halbleineneinband mit Kordelbindung, 163 Seiten. Beiliegend ein Widmungsschreiben von 1953.

Autor E. Deischl beschreibt in dem reizenden Büchlein seine Jugendjahre in Nürnberg, Feldafing und Freising. Er kam 1904 in Nürnberg zur Welt als Sohn eines Gymnasiallehreres für Deutsch und Geschichte und dessen Gattin (einer geborenen Biersack). Der Bericht endet im Jahre 1923. Der Titel wird besonders den Heimatinteressierten und Ortskundlern von Feldafing und Freising einige Freude bereiten und durch ansonsten wohl eher unbeachtete Ereignisse gar so manches zum Wissensstand über die Lokalitäten beisteuern können.

Beide Elternteile stammten ursprünglich aus Feldafing am Starnberger See. Der 1908 gestorbene Vater der Mutter hatte daselbst ein florierendes „Baugeschäft“ betrieben und gar das Schloss Allmannshausen erbaut. Der Autor verbrachte bis 1917 seine Sommerferien alljährlich bei den Großeltern, die ein Haus nahe des Sees bewohnten. Schilderungen der Kochkünste der Großmutter (besonders lobt er die „Dirlitzen-Frucht“, die aus den Früchten des „Cornel-Kirschbaums“ gemacht wurde) und der Ereignisse rund um den August 1914 werfen interessante Schlaglichter auf das Feldafing des frühen 20. Jahrhunderts. So habe sich sein Vater im August 1914 einen Trommelrevolver in Starnberg gekauft, um am freiwilligen Ortsschutz von Feldafing teilnehmen zu können. Er bewachte denn nächtens diverse Eisenbahnbrücken zwischen Feldafing und Tutzing sowie das Pumpwerk Feldafing und „Hochbehälter der Wasserleitung“ – Zeugnisse der Massenhysterie des August 1914. Dazu bringt D. die bemerkenswerte Geschichte vom Brand des Bürgemeisterhauses von Wieling im August oder September 1914.
Auch zur Nürnberger Zeit weiß Deischl Interessantes zu berichten: Sein Vater arbeitete an einem landeskundlichen Buche über Franken und machte mit seiner Familie zahlreiche Ausflüge in die Umgebung der Stadt, die er zum Teil recht genau schildert, so z.B. auf den Houbirg bei Happurg mit seiner Höhle und Festung oder zur Binghöhle bei Streitberg.
1917 wird der Vater nach Freising versetzt, wo Autor Deischl denn auch die wichtigen Jahre seiner Jugend verbringt. Das dortige Gymnasium besucht er bis zum Abitur 1923, das Leben an der Schule, einzelne Lehrer und deren Charaktereigenschaften sind Thema zahlreicher Seiten des Buches. Auch die Revolution von 1918/1919 wird behandelt, sowie D.’s kurze Angehörigkeit zur Bayerischen Einwohnerwehr (Orgesch). Obwohl 2 Jahre unter dem Mindestalter, kam der Junge problemlos bei den Weißen unter, erhielt Waffen und Ausrüstung (ob Dirschl die Wummen mit heimnehmen durfte, verschweigt er uns leider). Dazu finden sich Angaben zu verschiedenen Freisinger Bürgern, mit denen der Vater regelmäßig vekehrte (z.B. zum Kunstsammler und Mühlenbesitzer Tischler, zum Lehrer Ludwig, im Volksmund wegen seiner esoterischen Neigungen „Geisterseher“ genannt, zum Apotheker Fellerer, zum Bürgermeister Bierner). Hervorzuheben sind einige Episoden, die das rauhe Treiben der Brauerei-Studenten von Weihenstephan beleuchten. So kam es z.B. (wohl) 1922 auf den Strassen Freisings zu einer Massenschlägerei zwischen Bürgern und Studenten, nachdem einige Brauer auf ein Baugerüst gestiegen und dort alkoholisiert randaliert hatten und die Feuerwehr diese durch Wasser vom Gerüst zu vertreiben trachtete.

Über Deischl ist mir (ausser dem was aus dem Buch hervor geht) nichts bekannt. Das Widmungsschreiben belegt lediglich, daß er 1953 Ingenieur und Dr. war und sich damals zudem mit dem Titel eines „Ministerialrats“ schmückte.
Kapitelüberschriften aus dem Inhaltsverzeichnis über Feldafing: Im Haus der Großeltern, Zenzi, kindliche Spiele, am See, das Osterfest in Feldafing, Spione und Saboteure. Über Freising: der Vöttinger Kreis, Thalhausen, Beneficum Pastorale, Revolution, Spanische Krankheit, rote Zeit, die Einwohnerwehr, aus der Freisinger Bürgerschaft, Kriegskurse und „Scheyrer“, aus dem Professorenkabinett, im Hause Schnegg, Theaterspuk, Allotria, Der „Landfriedensbruch“, das gestohlene Dienstrad, Brand vor dem Rathaus ....

 


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