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Jahr: 1937-1946
Bemerkung:
ArtikelNr. 02601
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Handgeschriebener autobiographischer Text des Georg von der Haar, Oesede-Georgsmarienhütte. 8°, privater Halbleinwandeinband, ca. 120 Seiten, von denen rund 100 in sauberer Handschrift beschrieben sind. Beiliegend ein äußerst makabres Relikt, nämlich der letzte Wille der Paula von der Haar, datiert Oktober 1937 (Briefumschlag mit handschr. Text „An meinen lieben Mann, nach meinem Tode zu öffnen), innen ein mittig gefaltetes Blatt von 2 Seiten, eine Seite mit handschriftlichem Testament).

Der Text wurde als Erinnerung für die Kinder des Autors geschrieben und zwischen dem 20.4.1938 und dem 26.12.1946 verfasst. Hauptthema des Buches sind die in den 1920ern geborenen 4 Kinder des Autors. Deren Entwicklung von Ende 1937 bis Ende 1946 steht im Vodergrund des Textes. Dazu schildert Haar (in masochistisch anmutender Genauigkeit) Leiden und Todeskampf seiner krebskranken ersten Gattin - und auf einigen wenigen Seiten seinen Fronteinsatz in Kurland Anfang 1945.
Autor von der Haar war ein Mittelschul-Lehrer, der zuerst in Osterkappeln (auch Ostercappeln), später in Ankum, dann in Georgsmarienhütte mit seiner Familie lebte. Als Lehrer war der Autor gewöhnt, Kinder zu beurteilen, was sich im Buche deutlich widerspiegelt. Er beschreibt seine 4 eigenen Kinder und deren Entwicklung zwar mit einer liebevollen Grundhaltung, doch mutet die kalte Sachlichkeit seiner Vergleiche und Urteile (die natürlich ganz dem Geist der 1930er entspricht) heute bisweilen befremdlich an.
Von der Haar ist katholisch, doch scheint er eine gewisse Affinität für die Nazis durchaus ermpfunden zu haben. Die Titelseite offenbart den ambivalenten Charakter des Autors: Dort zitiert er anfangs ein gottesfürchtiges Gedicht, um im direkten Anschluss zu schreiben „Begonnen an Gunthers Geburtstag, den 20. April, der zugleich der Geburtstag des Führers und Reichskanzlers A. Hitler ist“.

Anfang September 1939 wird Georg eingezogen und dient denn in Polen „bei der Besatzungstruppe“, er wird jedoch ca. Ende 1940 wieder ins Zivilleben freigestellt. Erst 1944 muß er erneut in die Wehrmacht, er kommt in eine Kraftfahrabteilung. Ende Dezember versetzt man ihn nach Kurland. Die Seiten, welche den Kriegseinsatz schildern, sind die für den Historiker verwertbarsten des Buches und seien hier im Wortlaut wiedergegeben.
„Silvesterabend traf ich in der schönen alten Hafenstadt ein [Danzig], wo ein frohes Treiben herrschte. Welcher Gegensatz zu den jämmerlichen zerbombten Städten des Westens! [...] Nach zweitägigem Aufenthalt in einer häßlichen Kaserne zu Danzig-Neufahrwasserging die Seefahrt los, nach fast 24 Stunden kamen wir in Libau an. Unsere Fahrt zählt mit zu dem häßlichsten, was ich beim Militär erlebte. Von der Seekrankheit, die viele anfiel und die Ursache einer unglaublichen Verschmutzung des Dampfers war, wurden Dänel [sein Kamerad] und ich noch mit knapper Not bewahrt. Von Libau, wo wir uns erfrischten, ging es per Bahn nach Frauenburg, immer nahe hinter der Front entlang. Das Flackern der Leuchtkugeln und das Brummen der Geschütze war noch wie ehemals. Schließlich kamen wir nach einwöchiger Fahrt an unseren Bestimmungsort, zur Kraftfahr-Kompanie 329 in Satini, etwa 8 km hinter der Front.Wir krochen in einen unglsublich verussten aber schön warmen Raum in einem lettischen Bauernhaus unter. Nach einigen Tagen verlegten wir unser Quartier dann in einen Bunker, in dem wir zu zehn Uffz. Und Feldwebeln wohnten. Ich kann nicht sagen, daß mir das Leben in der Kf.-Komp. besonders gefallen hat. Es herrschte ein wenig kameradschaftlicher Geist. Die Lastwagen waren großenteils unbrauchbar oder unzuverlässig. Die Mannschaften waren vorwiegend russische Gefangene, nun auf Hitler vereidigt. Ihnen ging es natürlich hauptsächlich um Schnaps, Brot uns Speck. Auch Letten hatten wir, die nichts besser waren in der Verwendung. Wir fuhren Munition, Verpflegung, Holz u.a., gelegntlich auch mal Truppen. Viele Fahrten wurden bei Nacht durchgeführt. Im Ganzen war der Dienst gut auszuhalten. Der Leutnant der Kompanie, der NSF-Offizier des Versorgungs-Regiments 329, der also die national-sozialistische Einstellung der Truppe zu betreuen hatte, kaperte mich für das das Vortragswesen, um Entlastung zu haben, da ihm die Sache nicht besonders lag. Ich dagegen freute mich, mich geistig und rednerisch betätigen zu können. Natürlich musste ich die Zuversicht auf ein glückliches Kriegsende zm Ausdruck bringen, und zum Aushalten auffordern. Was blieb uns in Kurland auch anderes übrig? Aber ich habe meine Vorträge nicht einfach mit der Goebbelschen Propagandawalte abgetan und dafür geschichtliche Zusammenhänge und politische Fragen ausgeschnitten und da ich gut und überzeugend sprach, wurden meine Vorträge als Abwechslung und Anregung begrüsst. Ich sollte denn auch auf einem Divisions-Lehrgang der nationalsozialistischen Richtmänner sprechen, wozu es aber nicht kam, was wohl auch besser war, da ich den dort geforderten Parteiton mit Judenhetze und allen Schikanen nicht gefunden hätte. Ob man inzwischen be,erkt hatte, daß ich nicht Pg [Parteigenosse] war und daran der Einsatz scheiterte, ist mir nicht bekannt. Nach 4 Wochen wurden Dänel und ich zum Fahrschwadron 2 des Regiemnts versetzt, um nach dem mot. [motorisierten] nun auch den ‚hot‘-Nachschub kennen zu lernen. Hier gefiel es uns sehr gut. Es war alles viel persönlicher, das Quartier besser, die Fahrten insoweit vorteilhafter, als man bei dem Marschtempo der Gäule viel zu Fuß laufen konnte, sodaß die Kälte nicht so spürbar wurde. Bei günstigem Wetter hatten wir dann auch Reitunterricht, der mir viel Freude machte. Überhaupt lag mir der Betrieb viel mehr als in der Kf.-Kp., da wir es mit Tieren, also mit lebenden Wesen zu tun hatten. Abends spielten wir mit dem Hauptmann und dem Leutnant oft Doppelkopp [Doppelkopf], ein erfreuliche Abwechslung. [...] Die letzten 14 Tage bei der Schwadron hatte ich den II. Zug, ausgestattet mit 34 Mulis und 5 Pferden, worunter auch mein Reitpferd Ludwig war, das ich allerdings nicht geritten habe, da es mir bei den Fahrten zu langsam war, um auf dem Gaul zu sitzen. Der Zug lag im lettischen Gehöft Dagi, das noch bewohnt war. Die Leute waren sehr nett. Jeden Sonnabend brachte die Frau ein nettes Essen in meinen Bunker, den ich mit meiner Ordonnanz bewohnte.. Als ich von der Familie einige Aufnahmen machte, versorgte sie mich besonders gut. Anfang März zog die Schwadron bei großer Kälte um, 15 km weiter rückwärts. Dort lag ich mit 1 Uffz. und 2 Gefreiten bei einem kleinen Bauern in Quartier, die Leute waren sehr nett. Am 13. März kam der Befehl zur Heimreise. Seit dem Zusammenrbuch der Ostfront im Januar hatten wir noch kaum damit gerechnet, aus dem Kessel wieder heraus zu kommen. Es hieß, Kurse für Fahnenjunker fänden nicht mehr statt. Nun ging es doch auf Fahrt, und noch am gleichen Tag machten wir uns auf den Weg, Dänel und ich, gefolgt von den neidischen Blicken der Kameraden, die wir im Kessel zurückliessen. Die Seefahrt verlief, obwohl sie vielleicht das gefährlichste Unternehmen des Kurlandeinsatzes war, sehr günstig. Für Bomber und Schnellboote des Iwan waren wir bei dem dicken Nebel unauffindbar, und auch mit U-Booten ging es gut. Danzig konnten wir nicht mehr anlaufen, so kamen wir nach Swinemünde, wo die Hafenanlagen zerschlagen waren und alles voller Schiffe lag, die anlegen wollten. Na, wir sind dann nach tagelangem Warten mit Hilfe eines Proviantbootes von Bord gekommen. Nun ging es so schnell wie möglich weiter und am Donerstag Morgen 4 ½ Uhr konnten wir Mama dann aus dem Schlaf trommeln. [...]“

 


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